613
„Meine Töchter hatten das Vergnügen, ihn während ihres Besuches bei SirStephan Langley kennen zu lernen", schaltete Mrs. Dalton ein.
Bertha hatte sich, nachdem sie die gewünschte Auskunft gegeben, in einige Ent-fernung zurückgezogen; sie wollte nicht mehr sagen, als unbedingt nothwendig war, dadieser Mensch ihr einen großen Abscheu einflößte.
„Ich freue mich, Ihnen gratuliren zu können, Mr. Faucourt", fuhr Mrs. Daltonfort. „Lord Alphington hat meinen Töchtern mitgetheilt, daß er seinen Enkel und Erbenausfindig gemacht habe."
„Ich sah den Carl noch nicht, hörte aber viel von ihm reden."
„Wenn ich recht verstanden habe, so beabsichtigte er, heute zur Stadt zu fahren",bemerkte Lena, an der Unterhaltung theilnehmend.
„Das war ursprünglich seine Absicht, ich erhielt jedoch heute Morgen ein Tele-gramm, worin mir mitgetheilt wurde, daß unsere Zusammenkunft bis nächsten Montagaufgeschoben werden müsse", erklärte Fancourt, indem er näher auf Lena, welche erfortwährend anstarrte, zurückte. „Seine Lordschaft hatte gestern einen kleinen Anfall vonPodagra ."
Lena begegnete seinem Blick nicht, doch wandte sie den Kopf ein wenig mehr zurSeite, damit ihr hübsches Profil zur Geltung komme. -
„Es thut mir leid, Sie berauben zu müssen", wandte er sich von Neuem an Bertha,da er doch wohl fühlte, daß es einer Entschuldigung bedürfe, wenn er seinem Besuchnoch in die Länge ziehe. „Aber ich fürchte, ich muß Einspruch auf den Ring erheben.Sollten Sie vielleicht vorziehen, ihn den Händen Dirs. Thomson's anzuvertrauen, sogilt mir das gleich."
„Wenn es in meiner Macht stände, so würde ich das recht gerne thun", erwiderteBertha, aber leider ist der Ring, während meine Schwester und ich auf dem Landewaren, von Neuem verloren gegangen oder vielmehr gestohlen worden."
Ein Fluch schwebte auf Fauconrts Lippen, als er vernahm, daß der Ring vonNeuem fort sei, aber er besann sich bei Zeiten. Die Anstrengung, welche es ihn kostete,seine gewöhnliche Redeweise zu unterdrücken, um dadurch bei seinen Zuhörerinnen keinenAnstoß zu erregen, gab seinem Benehmen etwas Gezwungenes und ging nicht unbemerktvorüber.
„Eine Dame war vorigen Mittwoch hier?" frug er mit geröthetem Antlitz. „Warsie groß, mit schwarzen Haaren und dunklen Augen?" setzte er nnbcdachtsam hinzu.
„Ja, sie war groß und besaß einen dunklen Teint; sie trug eine Wittwenspitzeund eine blaue Brille, so daß ich die Farbe des Haares und der Augen nicht unter-scheiden konnte. Eine recht gebildete, vornehme Dame", sagte Mrs. Dalton.
„Zum Henker", murmelte Faucourt zwischen den Zähnen. Nachdem ihm dieserAusruf entschlüpft, fuhr er in seiner Verlegenheit mit den Fingern durch's Haar.
Bertha beobachtete ihn aufmerksam.
„Glaubten Sie die betreffende Person zu kennen?" frug sie.
Er schrack zusammen und erröthete von Neuem.
„Ich? O, nein! Ich rieth nur auf's Geradewohl."
„Wie kannst Du solchen Unsinn sprechen, meine Liebe!" redete Mrs. Dalton Berthaim vorwurfsvollen Tone an. „Es ist thöricht von Dir anzunehmen, Dir. Faucourtkenne die Person, noch ehe ich sie ihm beschrieben."
„Also der Ring ist wieder verloren? Wie ärgerlich!" bemerkte Mr. Faucourt.Dabei betrachtete er die Spitzen seiner Handschuhe, als ob ihn die Lust anwandle,daran herum zu beißen.
„Lord Alphington hat der Polizei davon Anzeige gemacht nnd befohlen, daßRecherchen angestellt werden", sagte Bertha, den jungen Mann scharf anblickend, ohnesich selbst Rechenschaft darüber geben zu können, warum sie dies eigentlich thue. Er