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Auf dem hohen Schachern
Ein Plätzchen weis; ich so traulich,
Wie keines so wnndcrreich!
Wie ist's für die Seel' so erbaulich,
Und herzerhebend zugleich!
Den ewigen Herrn zu lobenErmähnt es die Seele mit Macht;
Das Herz erquicket dort obenDer Thäler und Berge Pracht.
Und Lippen und Herz und Seele,
Sie beten zusammen Ein Wort:
Daß nie der Segen dir fehle,
Denn gern ist inein König dort!
* Ja, ein trauliches Plätzchen mit allen Reizen der Natur ausgestattet, ein Plätzchen,so herzerfrischend und herzerhebend wie wenige mehr, ist der hohe Schachen beiPartenkirchen. Früher nur geübteren Bergsteigern bekannt, hat ihn des Königs hoher,idealer Sinn für alles Natnrschöne auch den zu beschwerlichen Touren weniger fähigenund geneigten Freunden der Alpenwelt aufgeschlossen und zugänglich gemacht. Welcheinen Dank sich hiedurch der edle königliche Schirmherr unserer Berge verdient hat, daswissen Diejenigen zu beurtheilen, welche bereits auf dem hohen Schachen gestanden sindund sich das prächtige Panorama beschaut haben, welches sich dort dem Auge erschließt.
Es ist ein prächtiger Sommerabend. Wir haben soeben dein aus einer Anhöhegelegenen lieblichen Kirchlein des heil. Antonius zu Partenkirchen einen Besuch ab-gestattet und hierauf an einem schattigen Punkte in der Nähe des Kirchleins Platz ge-nommen. So unvergleichlich schön liegt das Partnach- und Loisachthal zu unseren Füßen.Eine feierliche Abendstille ist darüber ausgebreitet. Nur wenige Bewohner des Thalessind noch auf ihren Feldern beschäftigt, die meisten sind zu Hans und Herd heimgeeilt.In der rechten Friedensstimmung erhebt sich unser Auge und entzückt beschaut es dieglänzenden Felswände des Wettersteingebirges im Süden mit den weißen Gipfeln derZugspitze im Südwesten. Bereits hat Schnee die Gipfel der Berge bedeckt und daraufwirft die Abendsonne ihre Strahlen und überzieht wie mit Gold und Silber die Fels-wände des Gebirgsstockes. Auch der breite Rücken des Kramcr's im Vordergründe desprächtigen Bildes erglänzt wie in magischem Lichte. — Es ist ein schönes Stück derErde, das unser Auge beschaut, nicht von der Phantasie des Schreibers geformt oderaus der Märchenwelt von „Tausend und Einer Nacht" entnommen, — es ist ein Bildder Wirklichkeit, es ist Wahrheit, und doch liegt wiederum so viel Poesie darin!
Vor den weißen, schroffen Wänden des Wettersteingebirges und zu Füßen dermächtigen Dreithorspitzc liegt majestätisch der lange, grüne Bergrücken des Schachen mit dem Königshause vor unseren Augen. Dorthin geht morgen das Ziel unsererWanderschaft. Die Herrlichkeiten, die uns Freundesmund so prächtig geschildert, sollenwir mit eigenen Augen sehen.
So oft hört nran noch von der „guten alten Zeit" reden. Ich weiß nicht, obAlles zu rühmen und zu preisen ist, was die gute alle Zeit hatte, jedenfalls war sieliederreicher als die heutige. Und ein solches Stück aus der liederreichen alten Zeit hatnoch Partenkirchen gerettet: einen singenden Nachtwächter! In früher Morgenstunde hater uns aus heißen Träumen geweckt, und daß der erste Gedanke beim Erwachen die„Schachenpartie" betraf, ist natürlich. Es war ein herrrlicher Morgen und die Be-leuchtung der Berge mit ihren schneeigen Häuptern fast noch wundervoller als am Abendevorher. Nicht lange stand es an und wir waren reisefertig. Der Nncksack war gefüllt,Schinken, Brod und Wein bildeten seine Hanptbelastung; auch der den Bergsteigern soempfehlenswerthe Cognac ward nicht vergessen.
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