Ausgabe 
(29.9.1883) 78
 
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Fröhlich ging's durch die thaufeuchten Wiesen an der Partnach hin, dem tiefenThalcinschnitte Zu, durch welchen dieses Flüßchcn mehrere Stunden weit in sanftem Ge-falle daherkommt. In einer Stunde näherten wir uns der berühmten Partnach-klamm. Schon oft haben wir sie gesehen, heute entdeckten wir wieder neue Reize.Entzückt schauten wir aus der Tiefe des Thales zn den Felswänden empor, durch diesich die Partnach wie ein dünner Wasserfaden durchschlängelt. Denn es hatte wenigeTage zuvor heftig geregnet und so war der Wasserfall, der vom rechten Felsgehängein die Klamm hereinstürzt, heute stärker wie je zuvor und unvergleichlich schön spiegeltensich die ersten Strahlen der Sonne in den Farben des Regenbogens. Du hättest siesehen sollen, wie die Millionen Wassertropfen in der Höhe noch glänzende Perlen,in der Tiefe nur mehr feiner Staub in den sieben Farben glitzerten, ein Bild soprächtig und bezaubernd, wie es eben nur die Natur malen kann. Wir stiegen so-dann hinauf zurTcnfelsbrücke"; ein großer Stein von starker Hand weit hergcschlcppt,ward 240 Fuß hinab in die Tiefe der Klamm geschleudert, und wie ein Kanonenschußdröhnten zur Feier des Tages die Felsen in wunderbarem Echo.

Nun ging's hinauf zum lieblichen ForsthanseGraseck", das auf grünem Nasenzanbervoll sich erhebt und verdientermaßen sich des fleißigen Zuspruches fast allerBesucher des Loisachthalcs erfreut. Nicht nur ist es die freundliche Bcwirthung mitguten Speisen und frischem Tränke, nicht nur sind es die herrlichen Geweihe von Hoch-wild, die uns veranlassen, das Forsthaus zu besuchen, es ist die frische, reine Berglnft,es ist die entzückende Aussicht auf die Berge und besonders den hohen Schachen, wasuns dieses Stücklcin Erde so lieb macht, was Grasest solche Reize verleiht. Hier imForsthause hat Herr Hofphotograp.h Johannes von Partenkirchen eine Station zurelectro-photographischen Aufnahme von lebendein Wild (hier zunächst Rehen und Hirschen)eingerichtet. So oft sich Wild am Abhänge des Berges zeigt, kostet es nur einen leichtenDruck auf ein Porzellanzäpfchen, daß sich der Apparat in Bewegung setzt und in einemAugenblicke sich öffnet und schließt. So sind in einem Momente, die Thiere photo-graphisch aufgenommen, ohne daß sie nur eine leise Ahnung hatten von den Borgängenwenige Schritte zu ihren Füßen. Bereits besitzen wir prächtige Gruppenbilder vonHirschen , von Schmalthieren, welche im Schnee Aesung suchen u. s. w. Nächstdcm ge-denkt Herr Johannes auf dein 6421 Fuß hohen Krottenkopfe einen ähnlichen Apparatzur Aufnahme des Gemswildes aufstellen zn lassen. Die Bedeutung dieser Erfinduna besonders für die Malerei läßt sich nicht verkennen. Es hat sich jetzt schonherausgestellt, daß die Thiere, wie sie lebend aufgenommen wurden, sich in mancherBeziehung von denen unterscheiden, welche bisher die Künstler nach deren Leichen, nachder Statur d. i. nach zahmen Exemplaren u. s. f. gezeichnet haben.

Doch es ist an der Zeit von Grasest und seinen Sehenswürdigkeiten zu scheiden.Der Weg führt nun ziemlich steil hinunter zur grünen Partnach und an dieser etwadreiviertel Stunden entlang durch schattigen Wald. Zur linken Hand grüßen von steilerHöhe herab die Gehöfte von Mitter- und Hiutergrascck. Wir kommen zu den sogen,steilen Fällen." Das sind kleine Wasserfällc, die sich terrassenförmig von schwin-delnder Höhe herab in die Tiefe des Waldes stürzen, ein prächtiger Anblick in denMorgenstunden, nur darf man sich die Mühe nicht gereuen lassen, eine Strecke den be-schwerlichen Pfad am tosenden Gicßbache hinanznklettern, da beim Uebergange über den-selben die Acste der Bäume das großartige Schauspiel verdecken. Nun folgt stellenweiseein beschwerlicher Marsch auf steilen Wegen durch dichten Wald und grünen Wicsenplan.Froh athmeten wir auf, als wir nach zweistündigem Marsche von Grasest denKönigs-weg" erreichten.

DerKönigsweg" ist ein prächtiger Steig, der auf Kosten Sr. Majestät desKönigs gebaut wurde und unterhalten wird und auf welchem er jährlich zweimalan seinem hohen Geburts- und Namensfeste und wiederum Mitte September auf