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einem eigens construirten, zweiräbrigen, niederen Wägelchen, das mit einem Pferdebespannt ist, zum hohen Schlichen hinauffährt. Dieser sogenannte „Königssteig" nimmtzu Elmau seinen Anfang, jenem kleinen hübschen Weiler, der zwischen Partenkirchennnd Mittenwald (näher an diesem) ein Stündchen abseits von der Poststraße so roman-tisch im Thale liegt. Von Elmau aus erfolgte im Jahre 1880 jener herzliche Erlaßdes Königs an sein Volk aus Anlaß des Jubiläums der 700jährigcn glorreichen Regierungder Wittelsbacher . So gemüthlich geht'Z nunmehr das trefflich unterhaltene Sträßchcnhinauf; man merkt kaum, daß man einen Berg — so hoch wie der Wendelstein — zubesteigen hat.
Bald eröffnet sich dem Auge ein entzückendes Panorama. An einer grünen, fastebenen Fläche liegt malerisch die „Wetterst ein alm." Zwei größere Almhütten zurAufnahme der Kühe bei Schneegestöber und Ungewitter liegen in Mitte des saftiggrünenTerrains. Dahinter erheben sich die steilen Stcinmassen des Wcttersteingebirges ineiner Großartigkeit, die sich kaum schildern läßt. Fast Furcht und Bangen erfüllt unsereHerzen, wenn wir Hinaufschauen auf die weißen Riffe und Klippen, auf die abschüssigenWände und Spitzen des riesenhaften Gebirgsstockes. Stein- und Sandgerölle ist imLaufe der Zeiten in die Tiefe gefahren und liegt nun in großen Massen am Fuße desBerges. Darüber hin erblicken wir stellenweise alten Schnee in schmutzigen Farben, dennur selten die Strahlen der Sonne erreichen.
In mehrfachen Windungen, welche der Kenner des Berges zu vermeiden weiß,geht's nunmehr den Steig hinan. Mit jedem Schritte fast bieten sich Ueberraschungendar. Unser Auge betrachtet verwundert prächtige Tannen, wie man sie nie in denWäldern der Ebene findet, oft zu zwei und dreien wie aus einem Fclsgrunde ge-wachsen mit riescnarmigen unzähligen Aesten, die sich bis zur Erde verneigen. Balderöffnet sich zur Rechten ein prächtiger Ausblick in's Loisachthal mit dem malerisch ge-legenen Partenkirchen und Garmisch. Hier ladet eine frische Quelle zum labenden Trunke,dort hält eine romantische Felscngruppe den Blick gefangen. Es ist ein Bild voll herr-licher Scnerien, so abwechselnd, bald lieblich, bald schauerlich! Und wenn sich erst dasNainthal tief unter uns dem Auge eröffnet, da wissen wir nicht mehr, ob wir zuerstdie zerrissenen colossalen Felsblöcke gleich am Abhänge des Schacheus besehen oder dasdarüber Hinausgelegene saftige Rain mit der herrlichen Besitzung des Herrn HofpredigersDr. Stöcker von Berlin in's Auge fassen und bewundern sollen. Dort ist's, als obdie Hölle in den Felsengründen geschaltet, hier als ob Engel des Himmels das fried-liche Thal bebaut und bewohnt hätten.
Doch alles Beschriebene bleibt hinter dem feenhaften Bilde zurück, das sich voruns entfaltet, wenn wir den Wald verlassend in der Ferne das Königshaus erblicken.Entzückt wendet sich das Auge auf die sanft ansteigenden Höhen zur Linken, die imMonat Juni und Juli, wenn die Almrosen blühen, einen zaubervollen Anblick bieten.Das ist ein rother Teppich auf grünem Grunde, zuweilen mit weißen Steinen wie mitPerlen durchbrochen; — das ist die gütige, die schöne Natur in ihrer vollsten Pracht-entfaltung; — das ist der Herr, der durch seine Blumen wie durch Engel zu unsredet, der unser Herz durch ein solch' farbenprächtiges Schauspiel mit Macht ergreifenund zu ihm erheben will.
Noch wenige Schritte, und das Panorama liegt in seiner vollen Größe und Schön-heit vor uns. Links, einige hundert Schritte zu unseren Füßen, liegt von Bäumen wiemit einem Kranze eingefaßt der meergrüne, stille Schachensee, an dessen Ufer sichdie Stallungen des Königs befinden. Vom Schachensee hinab liegt dunkler schattigerWald, zu tiefst das prächtige Thal der Partnach und Loisach mit den Vorbergen, inunserem Rücken der Teppich der Alpenflora und darüber hinauf die weißen, schroffenWände des Wetterstcins. O, was ist das für eine Pracht hier in der Nähe des Königs-