Nr. 79.
1883.
/
zur
„Äugsbilrger Postzeitirng.^
Mittwoch, 3. Oktober
Der GpalrLng.
Noman aus dem Englischen von E. E(Fortsetzung.)
Elftes Capitel.
Als Mrs. Faucourt durch das Gartenthor hinaustrat, stand er plötzlich Jemandengegenüber, welcher Einlaß begehrte. Dieses war ein kleiner, gelenkiger Mann mit glattrasirtem Gesichte, klugen grauen Augen, buschigen Augenbrauen und dünnen Lippen,welche sich an den Ecken etwas in die Höhe zogen, so daß er eine beständig lächelndePhysiognomie hatte. Sein Anzug bestand aus einfachem, schwarzem Tuche, welchesweder sehr modern noch sehr neu war. In der Hand trug er ein blaues Taschentuch.Faucourt würde ihn nicht bemerkt haben, wenn er nicht gerade dort mit ihm zusammen-getroffen wäre. Er hielt ihn für den Schreiber eines Advokaten und wunderte sich imStillen, welche Geschäfte dieser wohl in der Villa abzumachen habe. Es entging ihm,daß der Mann mit einem scharfen durchdringenden Blicke sein ganzes Aeußere gleichsamin sich aufnahm.
Faucourt hatte keine Zeit seine Aufmerksamkeit einer so unbedeutenden Persönlichkeitzuzuwenden. Seine Gedanken beschäftigten sich mit dem Hause, welches er eben ver-lassen und was er dort gehört und gesehen. Er war keinen Augenblick im Zweifelgewesen, daß Julie Lemont die verwittwete Dame vorgestellt und den Ring gestohlenhabe. Bei diesem Gedanken knirschte er mit den Zähnen und der Entschluß, sich diesesgefährlichen Weibes, welches so enge mit seinen Angelegenheiten verknüpft war, zu ent-ledigen, gelangte zur Reife. Er mußte sich von ihr befreien — durch welches Mittel,darüber war er mit sich selbst noch nicht im Reinen. Lena Daltou's Schönheit hatteihn bei ihrer zufälligen Begegnung im Parke zu Alphington überrascht; nun, wo er siewiedergesehen, war seine Leidenschaft erwacht, und er beschloß, sie für sich zn gewinnenund zu heirathen. An der Einwilligung der Mutter zweifelte er nicht; doch schien esihm, als ob die jüngere Schwester ihm feindlich gesinnt sei. Aber was lag daran,gegen seinen entschiedenen Willen würde sie machtlos sein. Er ballte die Faust, un-geachtet der zart citronenfarbigen Handschuhe, da er in seinem Inneren schwur, alleHindernisse, die sich ihm zur Erlangung seiner Wünsche in den Weg stellten, rücksichts-los zu zermalmen.
Sara hatte das Thor noch nicht geschlossen, als der neue Besucher ankam.
»Ist Ihre Herrin zn Hause, meine Liebe?" sagte der durch's Thor hinein-schlüpfende kleine Mann.
„Was wünschen Sie?" frug Sara, welcher die familiäre Anrede nicht sehr ge-fallen schien.
„Melden Sie gefälligst der Mrs. Dalton, das Mr. Riggs sie zu sprechen wünsche.