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Sie wird mich nicht kennen, deshalb sagen Sie ihr, ein Auftrag Lord Mphington'sführe mich hierher.
Bei Erwähnung dieses Namens machte Sara einen Knix und bat Mr. Riggs,sich nach dem Hause hin zu verfügen, während sie mit ihrer Botschaft vorauseilte.
„Im Auftrage Lord Alphington'ss" wiederholte Mrs. Daltou erstaunt. .„Ver-muthlich ist das auch wegen dieses widerwärtigen Ringes. Ich werde den Mann wohlempfangen müssen?" wandte sie sich fragend an Bertha.
„Gewiß, Mama, warum auch nicht?"
„Führe ihn hier herein, Sara. O Himmel, werden wir oenn me mit dieserGeschichte zu Ende kommen! Bertha, ich wollte, Du schnittest die schweren Fransen vonDeinem Shawle ab. Schließlich bringst Du noch einmal eine Börse, oder eine Uhr,oder was weiß ich, darin mit nach Hanse . Bitte treten Sie ein."
Mit diesen letzten Worten erwiderte sie die höfliche Begrüßung Riggs: „IhrDiener, meine Damen!" Und den Hut in der Hand haltend, blieb er an der Thürestehen. —
„Sie kommen im Auftrage Lord Mphington's? Bitte nehmen Sie Platz."
Mr. Riggs setzte sich in der Nähe der Thüre, seinen Hut unter den Stuhl schic-Lenv, und warf rasch einen Blick im Zimmer umher, bevor er sagte:
„Jawohl, Madame. Ich bin ein Geheimpolizist und hierher gekommen, um mitIhrer gütigen Erlaubniß Erkundigungen wegen eines verloren gegangenen Ringes an-zustellen."
„Ich habe durchaus nichts dagegen einzuwenden", entgegncte Mrs. Daltou auf-geregt. „Doch kann ich in der That nicht sagen, ob und von wein der Ring gestohlenworden ist; ich halte dies auch gar nicht für wahrscheinlich, glaube vielmehr, daß erin eine Spalte des Bodens hineingefallen und schwerlich wieder zu finden ist, ohne dasganze Hans umzudrehen.
Mr. Riggs lächelte — aber dies that er ja immer.
„Wir würden wenig in Anspruch genommen werden, wenn alle die Leute, denenchr Eigenthum abhanden gekommen ist, jedesmal genau angeben könnten, wo es sichbefindet. Wollen Sie gefälligst die Güte haben, mir alles dasjenige zu erzählen, wassich an dem Morgen, als der Ring verloren ging, zugetragen hat."
Mrs. Dalton wurde, so oft sie diese Begebenheiten schildern mußte, immer ver-wirrter und unfähiger, sich genau zu erinnern, was die Fremde gesagt oder gethanhatte, doch schloß sie auch in diesem Falle mit der Versicherung, daß so eine liebens-würdige, anständige Dame unmöglich den Ring genommen haben könne.
„Sah noch sonst Jemand die betreffende Person?" frug Mr. Riggs.
„Nur Sara, unser Zweitmädchcn. Die Köchin war ausgegangen und Sara undich allein zu Hause. Ich war froh, daß es nicht ein fremder Btann war; ich verbieteauch immer der Sara einen Fremden einzulassen, wenn wir allein sind."
„Würden Sie mir erlauben, Madame, dem Mädchen einige Fragen vorzulegen?"
„Gewiß, fragen Sie nur, so viel Sie wollen. Bertha, willst Du schellen?" >
Sara erschien so schnell, daß die Vermuthung nahe lag, sie sei nicht allzuweit vonDer Thüre entfernt gewesen.
„Dieser gute Mann wünscht Dich Einiges zu fragen, Sara: antworte ihm so gutDu kannst", befahl Mrs. Dalton in hochmüthigem Tone, indem sie sich mit überein-ander geschlagenen Armen in ihren Sessel zurücklehnte, vollständig befriedigt über dieklare Auskunft, welche sie in der Altgelegenheit gegeben hatte. .
Sara erinnerte sich der fremden Dame recht gut, sie sei groß, ungefähr von der-selben Größe, wie Miß Lena gewesen und habe eine dunkle Gesichtsfarbe gehabt. „Einsist mir an ihr aufgefallen; da ich hinter ihr herging, bemerkte ich, daß eine kleinechwarze Locke unter dem Hute hervorkam und vorne war der Scheitel doch ganz weiß.