Ausgabe 
(3.10.1883) 79
 
Einzelbild herunterladen

sein Herz gehoben, wie fühlt er sich glücklich, auf Augenblicke mag er alles Weh und alleSorgen vergessen, die sein Herz belasten.

Die Seele voll Gedanken steigen wir wieder den Schachen hinab. Wir möchten unsdas Bild, das wir geschaut, tief in's Herz einprägen, um es nie wieder zu vergessen.

Doch dreimal glücklich ist der, dem Gelegenheit gegeben ist, das zaubervolle Bild sichzur Nachtzeit zu beschauen. Es ist der Vorabend des 25. August. Der König ist in derAbenddämmerung zum Schachensee hinabgestiegen. Er hat sie mit Freuden gesehen, dievielen Bergfeuer, die rings auf den Höhen des Loisachthales dem König zu Lieb und Ehrenangezündet wurden; er hat sie mit Staunen betrachtet, die weißen Felscolosse des Wetter-steingebirges, wie sie fahles Mondlicht wundervoll übergoß. In eigenthümlichem Glänzeschimmerten heute die Tannen und Kiefern. Aus dem grünen Teppich der Alpenflora tratendie weißen Felssteine reizend hervor. Wie zum Gruße vor ihrem irdischen Herrn und Königneigten die Blümchen das Häuptchen, und wie zum Segensgebete flüsterte es aus den Aestchender Bäume und im Kelche der Blume. Nun steigt er wieder vom See herauf und ein über-raschendes Bild ist es, das sich den Augen Sr. Majestät darbietet. Das Königshaus istprächtig beleuchtet. Rings auf den Altanen und Veranden schimmern Hunderte vonLichtlein. Am Abhänge zu Füßen der Vordcrfronte des Hauses erglänzt des KönigsNamenszng in Hellem Lichte. Die hohen Wände des Wettersteins erstrahlen in bengalischerBeleuchtung. Hier und dort flammen Raketen auf und grüne und blaue und rothe Sternleinfallen spielend zur Erde. Das ist ein eigenthümlicher Glanz, in dem nun die Tannen er-strahlen, in dem die grauen vom Blitze geknickten und der Rinde entblößten hohen Kiefernschimmern, der über Berg und Thal so zaubervoll ergossen ist.

Das ist eine Sommernacht, wie sie der Tiroler Cölestin Gschwari besingt, jenerjugendliche Dichter, der erst 24 Jahre alt in seiner Vaterstadt Meran den kann: geöffnetenLiedermund zum Tode schloß.

Die Quellen murmeln, rauschenEin Lied vom Liebesmai,

Die Edeltannen lauschenDer tiefen Melodei.

Und wie die Bäume schweigenSo andachtsvoll umher,

Will sich darüber neigenDer Himmel sternenschwer.

Als wie mit gold'nen RosenEin blauer BaldachinWölbt er sich ob dem großenAltar der Erde hin.

Voll rosig Heller GlnthenLacht hehr das Himmelszelt,Als wollt' es froh verblutenAus Liebe zu der Welt.

Wir aber auf den Höhen,Umrauscht von WaldcsgrnnDer Abendlüfte Wehen,Wir lagen auf den Knie'n.

Und wie das Ave wiederErtönt in ernstem Eher,

Da schwebt der Himmel nieder,

Zu ihm die Erd' empor.

Das ist eine Sommernacht, wie sie eben nur auf einem hohen Schachen möglich ist.

Fast waren wir traurig, als die Zeit vorrückte und wir uns entschließen mußten, diePracht dieser Höhen und dieses Eden wieder zu verlassen. Schnell ging's nun die Tiefehinab und nach drei Stunden langten wir in Graseck an. Bald nach uns kamen Touristenvon der Dreithorspitze und der Frauenalpe oberhalb des Schachens an, etwas später trafeneinige kühne Herren ein, welche die Zugspitze besteigen und heute noch die Station Angererreichen wollten.

Oft erinnern wir uns noch mit Freuden der Schachenpartie. Denn solch ein Ausflugauf den hohen Schachen wirkt förderlich auf die Gesundheit, und solch' ein Einblick in dieSchönheit und Großartigkeit der Alpenwelt erhebt Herz und Seele, erfüllt mit neuer Be-geisterung für die Natur, mit neuer Lust zu Arbeit und regem Schaffen, erhöht unsere Liebezum .Könige, dem edlen Schirmherr» unserer Berge, dem warmen Freunde des hohenSchachens.

Am 19. September 1883.