Ausgabe 
(3.10.1883) 79
 
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Die Türken vor Wien.*)

Gedicht von Kaoio; aus dem Kroatischen imVersmaße des Originals übersetzt von HannsMctzler.

1. Tetschelija schielt der stolze BanusSchwere Briefe aus nach allen Winden.Einen sendet er dem Erdcljitscha,

Dem Beherrscher der kroat'schen Lande:')

2.Erdcljitscha, Banus der.Kroaten!

Schon ist vollgefüllt ein Jahr mit Tagen,Seit den König wir verloren haben,

Aus dem eig'nen Volk den cig'ncn:

*) Das vorliegende Gedicht schildert unsdie Belagerung, Vertheidigung und BefreiungWiens im Jahre 1683, deren zweihundert-jühriges Jubiläum am 12. September d. I.gefeiert wurde. Es ist einem bei dem südsla-vischcn Volke sehr beliebten Büchlein entnommenund trägt dort den Titel:I'iema Leos,"(Lied von Wien ).

InRar^ovor n^oäni" (Das augcucbmeZwiegespräch) so heißt das Buch schildertuns der Dichter die Helden und Heldenthatenseines Volkes, und zwar in der Art, daß Milo-van aus den schwarzen Bergen seinen: ehe-maligen Waffenbruder Radovan diese'Thatenerzählt, rcspectivc ins Gedächtniß zurückruft.

Der Dichter Andreas Kaoio-Miosio ist imdalmatinischen Dorfe Brist im Jahre 1690 ge-boren und als siebzigjähriger Greis im KlosterZoastrog (ebenfalls in DaluiatieiO gestorben;er stndirte in Buda Philosophie und Theologie,trat dann in den Orden des heil. Franciscnsein, ward Lehrer der genannten Fächer, wurdeGuardian und stiftete als solcher ein neuesKloster; die auf ihn gefallene Wahl zum Pro-vinzial lehnte er ab.

Die Zeit, welche ihm sein Beruf übrig ließ,verwendete er auf literarische Arbesten. Vondiesen ist die Abfassung des genannten Buchesdie wichtigste; als apostolischer Legat machte ernämlich eine Reise durch Dalmaticn, Bosnienund die Herzegowina, sammelte eine großeMenge historisches Material und verarbeitetedasselbe inRar^ovor uAoävi!" der süd-slavischen Jliade durch welches er sich denNamen eines sehr bedeutenden Dichters ver-dient hat.

') Die Schreibweise des Originals in Bezugauf die Eigennamen ist fast ohne Ausnahinebeibehalten worden. Tetschelija TötölyGraf Emcrich; Erdcljitscha Graf Erdödy.Strophen 2 bis 15 enthalten ein bcwunderungs-wertbcs Charaktergcmäldc des Rebellen Tököly.Wenn Tököly auch uicht der alleinige Anstifterdes Türkenrricges war, wie der Dichter undseine Laudslcute aus Unkenntlich der PolitikLudwig's XIV. glaubten, so war er doch derErste, welcher den Sultan auffordern ließ, aufWien selbst loszusteuern. (S. Onno Klopp :

Das Jahr 1683" p. 137).

3. Seit ein fremder König uns regieret,Dieser Leopold, der deutsche Kaiser.

Sag', wohin sind uns'rc alten Rechte!?Sag', wohin der Ruhm der Ungarfürstcn! ?

4. Endlich ist es Zeit, daß wir erwachen,Daß wir unsern cig'ncn König krönen,Der mit Huld und Gnade uns regiere,Uns ein milder, treuer Vater werde.

5. Nun, so hör' den Rath des Tetschelija:Werfet ab das Joch des Wiener Kaisers;Wählet mich zu cu'rcm Herrn und KönigUnd dann krönet mich im Dom zu Prcßburg.

6. Reichthum will ich geben euch und Schätze.Um mich sammeln meine fcur'gcn Ungarn'Will die Städte alle dann erstürmen,

Alle bis nach Wien und um dasselbe.

7. Felder will ich geben euch und Wiesen,Schöne Dörfer auch und große MärkteHohe Burgen dann und reiche Städte,

Wie sie eu're Ahnen einst besaßen.

8. Aber sollt ihr mich nicht hören wollen,

So ersass' ich Ungarns stolzes Banner,Werfe nieder die kroat'schen StaatenUnd verwüste bis nach Laibach Alles.

9. Also, Kinder! Nicht den Kopf verlieren,Werdet Tetschelija's Unterthanen,

Wie es kurze Zeit ist's her die Ungarn -Fürsten und die Ritter all' geworden."

10. Von den Briefen, die er schreibt, den zweitenSendet er dem Mächt'gen Türkcnkaiser:L-ultan, Kaiser , Herr der ganzen Erde!Was ich künde ist Dir frohe Kunde.

11. Meine Ritter haben mich erkoren

Und zum König mich gemacht von Ungarn .So bin ich der Feind des deutschen Kaisers,Deines größten Feindes Feind geworden. ^)

12. Und nun bitt' ich Dich, mein großer Kaiser,Sammle alle Deine starken Heere;

Ich will Krieger sammeln in ganz Ungarn Und im weiten Siebenbürgcrlande.

13. Und dann wir gen Wien marschiren;

Nicht gar schwer wird's sein es zu erstürmen.Deutschland, d'rauf Italien soll bezwungen,Selbst das stolze Rom soll unser werden.

14. Jetzo, Zar! ist Deine Zeit gekommen,

Jctzo räche Deine Janitscharcn;

Deinen Todfeind kannst Du jetzt vernichtenDiesen Leopold, den deutschen Kaiser,

15. Welcher Dir so viele Qual geschaffen,Welcher Deine Janitscharcn köpfte.

Nun verbeug' ich mich vor Dir zum Schlüsse,Küss' das Knie Dir und den Saum desKleides."

16. Banus Erdcljitscha, Herr im LandeDer Kroaten , sendet die Antwort:

2 ) Tököly wurde 1676 allerdings zum Haupteder Aufständischen gewählt (O. K. p. 85), dochdas türkische Königsdiplom mit Roßschwcif undFahne erhielt er von Jbrachim Vaicha 1682.