Ausgabe 
(7.11.1883) 89
 
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Nr. 89.

1883.

zur

Mittwoch, 7. November

Der Gpalrmg.

Roman aus dem Englischen von E. C.

(Fortsetzung.)

Dr einn d z w anzi g st es Capitel.

Aus Pflichtgefühl und der eigenen Ehre und Ruhe wegen hatte St. Lawrenceseine Besuche zu Joy Cottage eingestellt. Jetzt unterließ er sie einstweilen noch ausRücksicht für den Freund. Wie glücklich ihn auch der Gedanke machte, daß ihn keineSchranke mehr von Derjenigen, welche er so innigst liebte, trenne, so durfte er dochdieser Freude äußerlich keinen Ausdruck geben. Während Douglas noch unter der kärg-lichen Enttäuschung schmerzlich litt, hätte er doch nicht seine eigne Bewerbung beschleunigendürfen.

Douglas hatte sich entschlossen, den Winter in Rom zuzubringen und wollte so-fort abreisen, um die nördlichen Städte Italiens auf dem Heimwege zu besuchen. Abertrotz seines Ungestüms, welches ihn nie ruhen ließ, bis er einen einmal gefaßten Planauch wirklich ausgeführt, fand er es doch unmöglich, England schon so bald zu ver-lassen. Ein unvollendetes Portrait schickte er freilich, ohne die geringste Bezahlung fürdie unfertige Arbeit annehmen zu wollen, zurück und St. Lawrence hatte es übernommen,das Atelier zu vcrmicthen, und die verschiedenen Sachen, deren er nicht länger bedurfte,unterzubringen. Aber noch mancherlei erforderte seine persönliche Gegenwart, und sogingen trotz seiner Ungeduld mehrere Wochen vorüber. Dann endlich sagte er Mrs.Dalton, durch eine Karte Lebewohl, packte seine Farben und Pinsel ein, nahm zärt-lichen Abschied von dem Freunde, welcher ihn bis zur Bahn begleitete und fuhr ab.

Erst jetzt glaubte St. Lawrence frei handeln zu dürfen. Er legte wenig Gewichtauf die Andeutung, welche ihm Douglas in Betreff der Gefühle Bertha's gemacht hatte;jedoch, wenn wahre Liebe sie gewinnen konnte, dann mußte er siegen und wenn auchnur ein Schatten von Hoffnung für ihn vorhanden war; er wollte warten und aus-harren, nichts schien ihm unmöglich, da Bertha's Liebe der Lohn sein werde. Siewürde sein kostbarster Schatz bleiben, auch dann, wenn Fortuna ihm zulächelte und solltedie Glücksgöttin zürnen, so war er bereit mit ihr vereint allen Stürmen Trotz zu bieten.

Die plötzliche Abreise von Douglas versetzte Mrs. Dalton in ein Gemisch vonBedauern und Aerger; es überraschte sie, daß er England verlassen, ohne persönlichenAbschied zu nehmen, da sie doch immer in so freundschaftlichen Beziehungen gestandenund seine Karte gab ebenfalls keinen Aufschluß über dieses unverantwortliche Benehmen;dort stand nur, er beabsichtige, den Winter auf dem Festlande zuzubringen; das waralles.

Hätte er uns nur besucht, so würde ich schon die ganze Sache in's Reine ge-bracht Haben", sagte sie zu Bertha. Mrs. Dalton setzte großes Vertrauen in ihrediplomatischen Kunstgriffe.