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Bertha schwieg. Auch sie hatte gehofft, Douglas wiederzusehen, um ihn nochmalsihrer Freundschaft und des innigsten Interesses an seinem Wohlergehen zu versichern;aber da er es für besser hielt, nicht zu kommen, so konnte sie ihm nur zustimmen.
Es war beschlossen worden, daß Bertha mit ihrer Mutter nach Lcna's Hochzeitden längst versprochenen Besuch zu Larkspur machen und dann voraussichtlich dortbleiben solle. Der Gedanke, London verlassen zu müssen, war wenig erfreulich fürBertha. Wäre ihr die Wahb überlassen worden, so würde sie viel lieber die frühereangestrengte Thätigkeit wieder aufgenommen haben. Ihr ständiger Aufenthalt bei SirStephan bedeutete so viel, als ob auf die Hoffnung, St. Lawrence je wieder zu sehen,für immer verzichten zu müssen. Dann durfte sie höchstens noch erwarten, ihn späterals berühmten Künstler preisen zu hören; allerdings ein schwacher Ersatz, aber ihreLiebe machte sie nicht unglücklich, denn sie war stolz aus den Gegenstand derselben. Ihnnoch einmal zu Joy Collage zu erblicken, hoffte sie schon längst nicht mehr und als erdoch endlich kam, war sie mit Lena ausgegangen und ihre Mutter allein zu Hanse.
St. Lawrence bemerkte sofort das veränderte Benehmen der Ptrs. Dalton undvermuthete zuerst, ihre Zurückhaltung rühre daher, daß er so lange nicht mehr dortgewesen sei. Er machte indessen keine Entschuldigung, denn welchen Grund hätte er an-führen können.
Mrs. Dalton's fester Entschluß, dem jungen Manne bei nächster Gelegenheit nahezu legen, daß sie seine Besuche nicht länger dulden werde, da böse Gerüchte gegen ihnini Umlauf seien, war schwieriger auszuführen, als sie selbst geglaubt hatte. Es lageine gewisse Würde, fast hätte man es Hoheit nennen können, in seinem Wesen, welchesie unwillkürlich verstummen machte. Und als sie in sein schönes vornehmes Gesicht mitden ehrlichen, klarblickenden Augen schaute, wurde ihr Glaube, er habe sich je einer un-ehrenhaften Handlung schuldig machen können, wesentlich erschüttert. Aber Fauconrtwünschte nicht mit ihm zusammen zu treffen, das mußte maßgebend für sie sein, wiesie auch Bertha erklärt hatte. Dieser Zwiespalt war die Ursache ihrer Verlegenheit.Anfangs unterhielten sie sich über Douglas und sie konnte nicht umhin, ihr Befremdenüber dessen schleunige Abreise auszudrücken. St. Lawrence schloß hieraus, daß Berthaden Antrag seines Freundes geheim gehalten habe und obgleich er dies von ihr er-wartete, so schätzte er sie deshalb noch höher. Auf seine Frage nach dem Befinden derjungen Damen ward ihm die Antwort sie seien zusammen ausgegangen.
„Erfuhren sie schon, welches freudige Ereigniß unserer Familie bevorsteht?" frugMrs. Dalton, eine Gelegenheit suchend, um wenigstens Faucourt's Namen in die Unter-haltung mit Anflechten zu können. ..
„Ja, ich hörte es", erwiderte er ernst. „Darf ich fragen, ob der Tag der Hoch-zeit schon festgesetzt ist?"
„Noch nicht ganz bestimmt. Sie können wohl denken, daß die Vermählung miteinem Manne von der Stellung Faucourt's außergewöhnliche Vorbereitungen erfordert."
„Lord Alphington hat kürzlich einen Anfall von Podagra gehabt, und konnte unsdeshalb noch nicht besuchen. Aber ich muß sagen, daß er sich sehr großmüthig be-nommen hat." Ueber das Gesicht des jungen Mannes flog ein Ausdruck des Mitleid'sals er den Hochmuth und Triumph gewahrte, mit welchem Mrs. Dalton die Verlobungihrer Tochter und den Namen des Carls erwähnt. Er schwieg jedoch; sie schöpfte neuenMuth und frug scheinbar unbefangen: „Sahen Sie je Air. Fauconrt?"
„Mr. Fauconrt? Nie!"
„O, wie mich das freut! Er muß sich also geirrt haben", rief sie erleichtert aus.
„Geirrt? In wiefern?"
„Eines Tages, als wir in Kensington Gardar's waren, sahen wir Sie in einigerEntfenmug. Ich machte Fauconrt aus Sie aufmerksam und er glaubte Sie schon, frühergesehen zu haben, aber unter anderm Namen und er behauptete, daß — daß —"