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Die Glücke ruft und bald treffen sich die Klostergästc im freundlichen Speiscsaal,um gegenseitig ihre ersten Eindrücke auszutauschen. Unter der Leitung des munterenPater Schaffner's, dessen blühende Wangen und rundliche Körperfülle selbst der hartenKlosterzucht trotzen, wird das einfache aber schmackhafte Essen aufgetragen, dem diehungerigen Gäste alle Ehre anthun.
An Brot, Fisch und Fleisch war kein Mangel; auch für den Durst zierten kristall-helle Wasserstaschen den Tisch. Aber eine andere Gottesgabc fehlte — der Wein. Wohlmochte Mancher Anfangs den zaghaften Trost hegen, daß dies edle Getränk etwasspäter, vielleicht erst zum Nachtisch, in seine Rechte treten werde; doch mußte beim Er-scheinen der Aepfel und Nüsse die Täuschung weichen. Der eine oder andere besser indie Regel Eingeweihte aber behauptete, Wein dürfe eigentlich gar nicht im Kloster sein,höchstens in der Hausapotheke für die Kranken. Etliche höhere Herren endlich machtenin gestrengen Worten den glücklicher Weise abwesenden qnartiermachenden Offizier dafürverantwortlich, daß er einen solch wichtigen Punkt nicht zum Voraus geregelt habe, kurz,in Scherz und Ernst wurde die leidige Situation erwogen.
Am Tiefsten ging wohl die Sache einem alten Hauptmann zu Herzen, den —mit den blühenden Worten eines verstorbenen hohen Generals zu reden — die lang-jährige Compagniechefschaft nahe an den Rand des Stabsoffiziers gebracht hatte. Zwarglänzte das Gesicht noch im Schimmer der rosigen Jugend; aber sorgenvoll war momentandas ergraute Haupt in die Hand gestützt. Plötzlich fiel diese tapfere Rechte schwer aufden Tisch, und der gequälten Brust entquoll der Seufzer: „Ohne Wein kann ich einfachnicht existiren." Das erlösende Wort war gesprochen, allseitiger heiterer Beifall lohntedie That, und sofort wurde beschlossen, durch den Diplomaten des Stabes Verhand-lungen einzuleiten, welche auch ohne Schwierigkeit besten Erfolg für die künftigen Tagehatten. —
„Ohne Wein kann ich einfach nicht existiren." Wie sticht gegen diesen Spruchdes Weltmannes die bedürfnißlose Lebensart der Mönche ab, über welche der Soldatschreibt:
Bewachten wir als Gegensatz zu den Bedürfnissen der üppigen Wcltkindcr dieLebensweise unserer Klostcrbrüder, so müssen wir schon früh, nämlich um 2 Uhr Morgens,beginnen. Uni diese Zeit läutet der Pförtner das Hora-Glöckchen, und sofort wird's indem gemeinsamen Schlafsaal lebendig, der vom Abt ablvärts sämmtliche 100 bis 120Kloster-Insassen beherbergt, so weit sie nicht hohen Alters oder Krankheit halber dis-pensirt sind. Jeder hat einen besonderen Holzverschlag, worin die schmale sargartigeBcttstadt steht, welche einen hart durchstochenen, vier Finger dicken Strohsack nebst ähn-lichem Kopfpolster cickhäll. Auf diesem ärmlichen Lager ruht im Ordenskleid, das ernicht ablegt, ohne Decke, Sommer und Winter, von acht Uhr Abends bis zwei UhrMorgens der Trappist. Mit dem ersten Glockenstreich, der an Sonn- und Feiertagenschon um ein Uhr, an hohen Festtagen sogar um Mitteraacht ertönt, eilt Alles in diegänzlich schmucklose Kirche zum gemeinsamen Gebet und stiller Betrachtung. Von dreibis vier wird die Mette gesungen, worauf man sich in das Capitelzimmer begiebt. Nebender Thür steht gleichsam als Schildwache, ein aus schwarze Schieferplatte in natürlicherGröße cmgegrabenes menschliches Gerippe, und darüber die Worte: „oeckr« nuit ^sut-tztrsE (Diese Nacht vielleicht!) Einem französischen General, der nach bewegtem Lebenund von ihm wissenschaftlich beschriebenen Pilgerreise» gen Rom und Jerusalem hier imKloster Ruhe gesucht, verdankt dies ineuumtc, morl seine Entstehung. Endlang derWände des schmucklosen Saales ziehen sich niedere Bänke, davor ärmliche Tischchen oderPulte, die Bücher und Handschriften der Brüder enthaltend. Hier wird über eine Stundein stiller geistlicher Lesung und Betrachtung zugebracht, und darauf von halb sechs bissechs Uhr wieder in der Kirche die Priin gesungen. Dein folgt im Capitel die Vor-lesung der heiligen Regel, wobei Jeder seine Fehler wider dieselbe offenbaren und da-