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„Nun meinetwegen, aber mir noch einen Tropfen!"
„Wo mag er jetzt sein", hub John wieder an. „Es ist mir beinahe, als müßteich ihn, wenn er mir begegnete, erkennen."
„Das wird so leicht nicht vorkommen, denn er ist in Frankreich , wie ich sicher
weiß."
„So in Frankreich ! Dann ist er wohl ein geborener Franzose; auch der Nameläßt schon darauf schließen. Ich kenne eine Unzahl Pierre's in dem südlichen TheileFrankreichs . Sicher stammt er aus dortiger Gegend. Schreibt er häufig an IhreHerrin?"
„Ja, so oft er Geld nöthig hat. Mrs. Lemont ist jedesmal ärgerlich, wenn sieeinen Brief von ihm erhält."
„Sie können mir einen Gefallen erzeigen, Mr. Perkins. Bitte, stopfen Sie diePfeife noch einmal. Wenn nächstens ein Brief von ihm ankommt, wollen Sie dann dieFreundlichkeit haben, mir den ausländischen Poststempel zu notiren? Wie ich eben sagte,kenne ich eine Menge Pierre's in Frankreich und bin wirklich neugierig, ob es ein Be-kannter von mir ist."
„O, das will ich recht gerne thun. Für einen guten Freund, wie Sie, ist mirnichts zu viel!" rief Perkins, welcher anfing zärtlich zu werden, aus, indem er Johnseine Hand hinhielt, die dieser kräftig schüttelte.
„Ihr Herr ist zur Stadt gefahren, nicht wahr? Wo geht er doch immer hin?Weshalb fährt er so oft heraus? Ich glaube, meine Herrin ist ein wenig eifersüchtig."
„Eifersüchtig?" wiederholte John mit dem Ausdrucke höchsten Erstaunens. „Welch'sonderbarer Einfall. Wissen Sie nicht, daß Mr. Faucourt Mitglied der Anthropologie-Gesellschaft ist? Er fährt zur Stadt, um den Sitzungen beizuwohnen."
„Ei, was Sie sagen. Wer hätte das denken sollen. Ich sah ihn freilich nurselten, doch hätte ich das nicht hinter ihm gesucht."
„Ja, sehen Sie, jetzt ist das ganz anders, wo er zu seinem Rechte gelangte undnächstens Parlamentsmitglied werden wird", erklärte John. „Die müssen ja alle grund-gelehrt sein."
„Versteht sich; aber es ist Zeit, daß ich nach Hause gehe. Mrs. Lemont warheute unwohl."
„So, was fehlt ihr denn?"
„Nun, sie schien mir sehr matt und vollständig herunter zu sein. Mr. Faucourtbesuchte sie, ehe er zur Stadt fuhr und holte dann selbst eine Flasche Arznei aus derApotheke; bis jetzt hat es ihr noch nichts genutzt."
„Es thut mir leid zu hören, daß sie unwohl ist. Wenn mein Herr morgenwieder ausfahren sollte, so werde ich zum Landhause hinkommen, und mich nach ihremBefinden erkundigen."
„Thun Sie das, alter Bursche", stotterte Perkins ziemlich unverständlich, indemer sein Glas ausschlürfte.
Als er sich erhob, fand er es indessen mühsam, auf den eigenen Füßen geradezu stehen. Auch erforderte es große Anstrengung, den Hut aufzusetzen. John kam ihmzu Hülfe; er nahm den Freund unter den Arm und verließ ihn nicht eher, bis er ihnglücklich in seinem Bette oberhalb des Stalles, welcher znr Villa gehörte, untergebrachthatte. —
Beim Nachhausegehen warf er einen Blick zu den Fenstern des Hauses hinauf;in Mrs. Lemont's Zimmern brannte noch ein Licht. „Arme Frau!" seufzte John leise.Dann eilte er dem Wirthshanse zu, um bet der Ankunft seines Herrn auf dem Postenzu sein.
Faucourt konnte die Trennung von Lena Dalton kaum mehr ertragen; seineLeidenschaft für sie grenzte an Wahnsinn und die Gleichgültigkeit gegen ihn, welche sie