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es?" fuhr sie, als der Carl nach dem Hute griff, fort. „Haben Sie nichts mehr überden gestohlenen Ring in Erfahrung gebracht."
„Nein, er ist noch immer nicht ermittelt worden. Wie gerne würde ich ihn derschönen Braut an den Finger stecken. Er kommt ihr ja von Rechtswegen zu. LebenSie wohl! Ich darf Sie und Sir Stephan doch mit zu den Hochzeitsgästen rechnen."
„Ganz sicher, denn da die Dalton's keine näheren Verwandten besitzen, wird wohlSir Stephan Vaterstelle bet der Braut vertreten. Bleiben sie lange fort?"
„O nein, höchstens eine Woche; länger halte ich es in der Stadt nicht aus."
Er bestieg sein Pferd und ritt in heiterer Stimmung, als er sich seit der erstenUnterredung mit seinem Enkel befunden, dem Schlosse zu.
Dort angekommen, schrieb er mehrere Briefe, unter anderen auch denjenigen, welcherLena und Mrs. Dalton so sehr erfreut hatte.
Sein fester Wille war es gewesen schon am folgenden Morgen nach London ab-zureisen, aber sein alter Feind, das Podagra, überfiel ihn während der Nacht und wolltesich diesmal nicht aus dem Felde schlagen lassen, so daß die Reise mehrere Wochenhinaus geschoben werden mußte. Mr. Thomson kam jeden Sonntag zu ihm herüberund die Vorbereitungen zur Hochzeit wurden eifrigst fortgesetzt. Als Lord Alphingtonendlich im Stande war, nach London zu fahren, sollte die Vermählung schon in einigenTagen stattfinden, und er beschloß bis nach derselben in Magnns Sqnare zu verweilen.Mrs. Dalton's Glückseligkeit hatte ihren Höhepunkt erreicht, ihre sehnlichsten Wünschegingen in Erfüllung. Schon war das Hochzeitsfrühstück bestellt, die Gäste wurden er-wartet und die Koffer, welche einen Theil der Aussteuer Lcna's enthielten, standen ge-packt und bereit da, nach der neuen Heimath transportirt zu werden.
Lord Alphington begab sich nach seiner Ankunft in London alsbald nach JoyCollage, um der schönen Braut seinen Besuch zu machen. Als sein Wagen am ThoreVorfahr, gerieth Mrs. Dalton in die größte Verwirrung; auch Lena fühlte etwas, wienervöse Aufregung, aber die herzliche Freundlichkeit des Carl stellte bald ihre frühereRuhe und Fassung wieder her. Er drückte einen väterlichen Kuß auf Lena's Stirneund sie, gerührt durch seine Liebenswürdigkeit, erwiderte die Begrüßung mit so scheuerZurückhaltung und augenblicklichem überwallendem Gefühle, daß ihrer Lieblichkeil dadurchdie Krone aufgesetzt wurde. Gegen Bertha war er äußerst zuvorkommend und Mrs.Dalton schwelgte in höchster Wonne.
Nachdem der Earl sich über eine Stunde vertraulich mit den Damen unterhaltenhatte, sagte er zu Mrs. Dalton gewendet: „Darf ich Sie bitten mir die Zeit zu be-stimmen, wann Sie mit ihren Töchtern nach Magnns Sqnare zu kommen gedenken.Madeline muß ihre zukünftige Heimath kennen lernen und an Ort und Stelle ihre Wünscheüber die Veränderungen, welche dort vorgenommen werden sollen, anssprechen. Berthawird uns mit ihrem guten Geschmacke dabei zur Seite stehen," setzte er, die jüngereSchwester freundlich anlächelnd, hinzu: „Kann ich das Vergnügen haben, Sie morgenzum Frühstück bei mir zu sehen, Mrs. Dalton?"
„Es wird nur eine große Freude sein. Mr. Fancourt war heute Morgen hier,aber leider ist es mir nicht möglich, zu sagen, ob er uns dann begleiten kann."
„Wenn Sie erlauben, lassen wir Fanconrt außer Frage", erwiderte der Earl.„Eine mehrstündige Trennung von Ihrem Verlobten wird Ihnen wohl nicht allzu schmerz-lich sein, Miß Dalton?"
Lena erröthete heftig; doch hatte ihre Verlegenheit nicht den Grund, welchen LordAlphington anzunehmen schien. Sie fühlte sich diesem guten alten Herrn gegenüberschuldbewußt und dachte, wie sehr er sie verachten, ja sich mit Abscheu von ihr weg-wenden würde, könnte er in ihrem Herzen lesen. Lena war sich, ungleich ihrer Mutter,völlig klar darüber, daß es ein höheres edleres Ziel, wonach zu trachten sie verschmäht