Ausgabe 
(10.11.1883) 90
 
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hatte, gebe und in solchen Augenblicken nannte sie sich innerlich falsch und niederträchtig.Indessen überwand sie diese geheimen Vorwürfe rasch. Der Würfel sei gefallen; siekönne nicht mehr zurücktreten, selbst wenn sie es wünsche, spiegelte sie sich vor, und LordAlphington dürfe um keinen Preis erfahren, welch' schmähliche Rolle sie gespielt. Alsder Earl sich verabschiedete, hatte sie den gewohnten Gleichmnth wieder gewonnen undkonnte ihrem zukünftigen Verwandten in der liebenswürdigsten Weise Lebewohl sagen.Dieser kehrte im höchsten Grade mit der Wahl seines Enkels zufrieden, nach MagnusSquare zurück.

(Fortsetzung folgt.)

Eine Fahrt in Acgyptcn.

(Aus einem Reiseberichte.)

Am 18. Januar, 11 Uhr Vormittags, landeten wir vor der Stadt Kcnnch, wohinuns eine Fülle lieblichster Bilder geleitete. Da schaute der Flamingo herüber zurkleinen Wachtel, die lustig auf Deck spazierte, da dufteten großblattige, kastanienblüthigeRicinnshccken, da wölbten sich stolze Sykomoren über grünen Durrafeldern, da flogenim Bogen die Eimer der ununterbrochen Wasserschöpfenden, da erhoben sich malerischdie Lehmburgen der Tauben aus dem Wald des Reisigs, da flatterte und schwebte esaus Scherben und Töpfen. Zwischen breitastigen Daupalmen glänzten weiße Schech-gräber, dunkle Tamariskcnschleier schwankten über glühendem Gebirgsrahmen, und Allesdas wurde überspannt von des wolkenlosesten Azurs freudigster Majestät. AußerhalbKcnneh's, umblüht von üppigstem Garten, liegt der Palast des Mudir und gleich danebendie Wappen- und fahnengcschmücktcn verschiedenen Consnlate, nmcr denen wir dasjenigemit denwilden Männern" des deutschen Reiches stolz jubelnd begrüßten; ihm stattetenwir auch einen kurzen Besuch ab, zu angenehmster Bekanntschaft. Die Stadt selbst,wichtig durch ihre Verbindung mit dem rothen Meere über Konseir, ist, obwohl eng undwinklig und meist aus Lehne gebaut, vielfach interessant. An Moscheen und größerenGebäuden fanden wir schöne Nclieffragmcntc, Architekturstücke und arabische Holzschnitzereien.Das Hauptinteresse aber erweckt die aus freier Hand reizvoll graziöse, gewandte undschnelle Herstellung der weltbekannten Filtrirkrüge. Der hier gefundene Thon ist derbeste Aegyptcns. Ein einziger Acker liefert den feinen, grüngelben Stoff. Das Ent-nommene ersetzt die Nilanschwemmung im nächsten Jahre.

An einem der nächsten Tage führte uns ein großer arabischer Kahn mit lateinischemSegel munter über den Nil, wo vorausgcsandte Esel unser warteten und uns aufschmalem Damm am linken Ufer entlang trugen, während die prächtig leuchtenden, scharfgeschnittenen Berge der arabischen Wüste reichste Augenweide boten. Als wir plötzlichschwenkten, trateu die reichen Formen der libyschen Gebirge vor, und lachende, dicht-bestandene Getreidefelder dämpften anf's Lieblichste die grelle Sonne.

Nach einer halben Stunde ragte plötzlich mitten aus enormen Schutthaufen dasmächtige, vorn Kaiser Domitian errichtete Eingangsthor zum Tempel von Dendera einsamund stolz empor. Gleich dem Obelisken von Heliopolis ist es von Wespen zu breitenund volkreichen Ansiedelungen benutzt. Ist auch der Durchgang nicht in allen Theilenerhalten, so bleibt doch leicht erkennbar, daß mehr kaiserlicher Luxus, als eigentlicherSchönheitssinn hier gewaltet hat: so sehr ist jede Handbreit Raum zu Bilderwcrkcn undHieroglyphen in Relief benutzt worden. Der ganze Bau nämlich ist zwar nach ägyp-tischem Plan und Muster (es heißt sogar nach Angaben aus Cheop's Zeit) erbaut unddurchgeführt, nachweislich aber erst von Tiberius und Nero vollendet worden, ja diesehaben ihn sogar den Aphroditentempcl genannt. Aegyptisch würde er der Hathortempclheißen. Der Kopf dieser Göttin nämlich schaut vom Capitäl jeder Sänke und jedesPfeilers an jeder Seite ernst herab und ist von einem Tuche umwallt, das graziös vom