Ausgabe 
(10.11.1883) 90
 
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Obertheil der Säulen herabhängt: da aber von letzteren 24 vorhanden sind nnd an jederSänke vier solcher Köpfe prangen, so ist die gefeierte Göttin schon in der Borhalle, diein den InschriftenDer große Himmelssaal" genannt wird, 96mal in großer Büstedargestellt. Diese Vorhalle aber wirkt nin so mächtiger, als man von außen, wo mananf hohem Schatte steht, auch nicht das Mindeste von solcher Höhe ahnt, als man sie,auf vielstnfiger Treppe hinabgehend, nachher innerhalb gewahrt. Ueberrascht und stummsahen wir uns plötzlich inmitten dieser Riesensäulen, die sieben Fuß Durchmesser nnddreinndzwanzig Fuß Umfang haben. Natürlich sind es keine Monolithen, aber dieTrommclstückc sind anf das Geschickteste in Verbindung gebracht. An diese Vorhalleschließt sich der eigentliche Tempel, eiw langes Viereck mit neun verschiedenen großenKammern an jeder Langseite und fünf an der Hinteren Schlußseite. Die mittelste vonletzteren war einst das eigentliche Heiligthnm der Hathor, nnd hier hat ihr großes Bildgestanden. Vor diesem Sanctnarium ist eine noch größere, hinten geschlossene Cclla ein-gebaut, welche die heiligen Boote zu bergen bestimmt war. Alle diese Räume sind weitund hoch, auch ziehen sich Kryptengänge darunter hin, nnd aus zwei Seitenkammernführen Treppen auf das Dach. Das herrliche mitgenommene farbige Licht erhellte unsmagisch auch den kleinsten Raum, bis zur erhabenen Decke hinan erstand jedes Bild,jedes Relief aus den: Todesschlnmmer, .Alles lebte, regte sich für uns, ja selbst in dietiefen, geheimen Gänge, in die wir uns liegend durch kleine Qeffnungcn mußten in dasDunkel ziehen lassen, begleitete uns die erleuchtende und beseelende Flamme. Alleskündet hier das Lob der Göttin Hathor ,der Königin von Teutyra", und nennen sieAuge der Sonne", dieHerrin des Himmels", diegroße Königin des goldenen Kranzes"u. s. f. Auch die pyramidalisch schräg ansteigenden Außenwände sind bis zur Krönungmit Bildwerk bedeckt. * Auf der Rückwand draußen ist Königin Kleopatra als Isis mitihrem Sohne Cäsarion als Horns in mehr als Lebensgröße dargestellt. Im ägyptischenMuseum zu Berlin findet sich ein trefflicher Abguß dieses merkwürdigen Bildes. DreiLöwenköpfe an jeder Seite leiten den aufprasselnden Regen ab. In die Capcllcn aufdem Dache hat sich schon viel Griechisches eingeschlichcn. Von hier erschließt sich derBetrachtung ein herrliches Feld:die lybische Wüste in ihrer warmen, grellen Farbetritt bis unmittelbar an Teutyra heran; dahinter steigt das rosige libysche Gebirge, imSüden scharf gezackt, auf, um sich in langer, wagerechtcr Linie gegen Nordwcst zu ver-lieren; im Osten und Norden grüne Felder und schlanke Palmen, bald einzeln, baldin Hainen vereinigt, dann ein Stückchen blauer Nil, rechts davon Kenneh mit seinenWindmühlen und im Hintergründe das weite Amphitheater des arabischen Gebirges.

Fassen wir den Eindruck des Ganzen zusammen, so ist zu gestehen, daß wirselten in solchem Grade von der Macht und Gewalt eines Baues ergriffen waren, daßdie Fremdartigkeit die Schönheit übertraf, der Schmuck aber fast übersättigte. Wirkönnen uns des Gedankens nicht entschlagen, daß die ersten römischen Kaiser, die diesenTempel ohne allen Glauben und jedenfalls ohne Glauben an die ägyptischen Götter,bauten, nur haben zeigen wollen, daß sie im Stande seien, mit dem Erbauer desTempels von Karnak zu wetteifern und sie in Einzelheiten vielleicht zu übertreffen. DerTempel von Dendera erscheint nicht als ein Heiligthnm, sondern mehr als ein Denkmalkolossaler Mittel und kolossaler Ruhmredigkeit. Ob jemals glanbeusvoller Hathordienstin ihm gefeiert worden ist? Wir zweifeln stärk daran. Wenn wir ihn gleichwohl mitdem Gefühle stummen Staunens verließen und immer wieder anschauten, den beidenkleineren, auch viel verschütteten Tempeln derIsis" nnd derkleinen Kindern" (.Innonu ra? und Inuo Immun) aber nur halbe Aufmerksamkeit zuwenden konnten, so habenwir uns dessen nicht zu schämen. Das Große hat sie nicht so gut wie das Anmuthigc,und hier kam zu dem Großen noch das Hohe, llebcrraschende, Eigenartige.