Ausgabe 
(10.11.1883) 90
 
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M i s e e l l e n.

(Erblichkeit des Genies.) Die Theorie, daß das Genie erblich ist, oderdurch Erziehung erblich gemacht werden kann, wird von vielen Seiten behauptet, vonandern wieder lebhaft bekämpft, und nach allem möchte es scheinen als ob das Be-kämpfen leichter als das Behaupten wäre. Wenn Genialität überhaupt erblich wäre,wie könnten sie überhaupt Individuen besitzen, in deren Familien sich nie und in garkeiner Richtung besondere Begabung verrieth, und wie würden sie Söhne nicht haben,deren Väter reich begabt waren. Der Vater des berühmten Naturforschers MichaelFaraday war ein ganz gewöhnlicher Schmied, der des Dichters Kcats ein Pfcrdchaltcr.Walter Scott , der allbclicbtc Romanschriftsteller, hatte einen Sohn, der Major in derenglischen Armee war und sich rühmte seines Vaters Romane nie gelesen zu haben, undAda, Lord Byrons Tochter, intercssirte sich viel mehr für Mathematik als für ihresVaters Verse. Des großen Arstronomcn Galilei Vater war ein berühmter Geigen-virtuose, der sich gar nicht darüber trösten konnte, daß sein Sohn nur ein Gelehrter ge-worden. Von den vielen Beispielen, die sich anführen ließen, wollen wir nur nochdie Söhne des großen Earl of Chatam anführen, von denen der eine William Pitt ,mit dreiundzwanzig Jahren Premierminister von England war, während der älteste esnie zu etwas bringen konnte, und wollen nur noch fragen, wer hat Shakespeares , werGoethes Genie geerbt?

(Eine Schwalb «Urgeschichte.) In einem längere Zeit unbenutzt stehendenGüterwagen eines westprenßischen Bahnhofes hatte sich ein Schwalbenpärchcn angesiedeltund war auch lange ungestört geblieben. Eines Tages jedoch die jungen Schwälbchenwaren längst ausgekommen, doch noch nicht flügge geworden trat eine plötzlicheStörung des häuslichen Stilllebens bei der glücklichen Schwalbcnfamilie ein. Wahr-scheinlich wegen vermehrten Güterverkehrs war der besagte Wagen wieder in einen Bahn-zug eingestellt und benutzt. Verschiedene Personen, Passagieren sowohl, wie dem Bahn-personal, fiel es auf, daß zwei Schwalben unermüdlich Meile auf Meile neben deinZuge Herflügen, denselben auf den Haltstationen zirpend umkreisten, und sobald er sichwieder in Bewegung setzte, ihn abermals begleiteten. Auf der Endstation wurde derSachvcrhalt entdeckt, die Thicrchcn wurden soviel als möglich unbehelligt gelassen, unddie treuen Eltern waren mit den reiselustigen Kindern wieder vereint!"

(Eine Galanterie Gellerts.) Im Jahre 1752 wurde in Leipzig von derKoch'schen GesellschaftKranke Frau" zum erstenmal aufgeführt. Die Titelrolle wurdevon Frau Koch so vortrefflich gegeben, daß Gellert am nächsten Morgen an Koch folgendenBrief richtete, dem ein Korb mit allerlei Erfrischungen beigegebcn war.Hochzuver-chrendster Herr! Ich habe es gestern nicht ohne Mitleiden ansehen können, wie krank ihreFrau Liebste auf dem Theater war; und weil ich vielleicht eine Ursache ihrer Krank-heit war, so halte ich's auch für meine Schuldigkeit, für ihre Wiederherstellung zu sorgen.Seyn Sie also so gütig und nöthigen Sie Ihre Frau Liebste, die Arzney einnehmen,die ich Ihr schicke, mit der ich mich selbst kurire und die gewiß besser wirken muß, alsdes Herrn Richards X. Medikamentum. Im Ernste, danken Sie ihr in meinemNamen crgebenst. Sie hat ihre Rolle vortrefflichst gemacht. Ich bin mit einer wahrenHochachtung Ihr ergebenster Gellert."

(Zur Trinkgcldcrfragc.) Gast: Ich habe drei Glas Hofbräu. Kellner:Macht 90 Pfennige. Gast: Geben Sie mir auf 20 Mark heraus! Kellner:Bitte, ich kann nicht wechseln, haben Sie nicht so viel kleines Geld? Gast: Ich habe dagerade noch 90 Pfennige. Kellner: Dann werde ich doch lieber wechseln.

Auflösung des Räthsels in Nr. 89:Wachen. Nachen. Nachen. Aachen . Lachen."

Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg . Druck und Verlag des

Literarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr.