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Ein Spaziergang in's Höllenthal bei Partenkirchen.
Zu den von Fremden meistfrequentirtcn Gebirgsorten unseres bayerischen Vater-landes gehört unstreitig auch Partenkirchen im schönen Wcrdcnfclserlande. In derabgelaufenen Saison war der Besuch des prächtig gelegenen Marktfleckens starker als jein den Vorjahren und ein Leben und Treiben herrschte in dem sonst so einsamen undruhigen Plätzchen, wie wir es nur in den Hauptstraßen volkreicher Städte zu beobachtengewohnt sind.
Auch früher schon und lauge bevor das heutige Partenkirchen in Folge seinerunvergleichlichen Umgebung wie ein Magnet auf die Sommerfrischler und Passanten desNordens und Südens wirkte, herrschte ein reges Leben im Thale der Partnach. Hierhatten die Römer ein befestigtes Lager, I>artainrra geheißen, und noch heute be-wundert der Freund des Alterthums und alterthümlicher Neste die letzten Spuren ihresWeges in's deutsche Land. In mittelalterlichen Tagen zog eine bedcutsnde Handels-straße an Partenkirchen vorüber. Hier hielten, wenn mit reichen Schätzen beladen dieFuggcr und Weiser aus dem Welschlande heimkehrten, sie Einkehr und Nachtlager. Jetztsind es nicht mehr die römischen Soldaten und nicht mehr die Handelscarawancn, welcheden Markt bevölkern; und nicht die Interessen der Eroberung oder des Handels undGewinnes führen in Partenkirchen jährlich so viele Menschen zusammen, sondern diePracht der Berge, die frische Bergcsluft, das fröhliche Bergesleben, der Reichthum anAusflügen ist es, der uns anzieht und fast mit unwiderstehlicher Gewalt verführt deinfreundlichen Gebirgsorte unseren Besuch zu machen.
Wir laden heute den freundlichen Leser ein, mit uns einen Spazicrgang in'sHöllenthal bei Partenkirchen zu machen. Nur wenige Fremde sind es, welche das-selbe besuchen. Wir wissen nicht, ist es schon die Furcht vor dem wilden Namen oderein gelinder Schauder vor der Beschwerlichkeit und Gefährlichkeit des Weges, der dieTouristen veranlaßt, dem Großartigsten, was die Natur im Loisachthale bietet, keineAufmerksamkeit zu schenken und ohne Beachtung an demselben vorüber zu gehen. Indeßhaben selbst schon einzelne Damen das Höllenthal besucht und sie werden bezeugen, daßsie für die Mühen und Beschwerden des Weges, die gerade nicht übermäßig groß sind,reichlich belohnt worden sind.
Es war ein schöner Augustmorgen, da wir in fröhlicher Stimmung durch grünenWiesenplan dem uralten Dorfe Hammersbach zuwanderten. Das Auge entzückte derAnblick der schneebedeckten Zugspitze, der Königin der bayerischen Alpen, immer gleichgroßartig und unvergleichlich schön. Unmittelbar vor uns erhob der „Daniel" sein stolzesHaupt und erweckte süße Erinnerungen an den stillen, einsamen Eibsee. Und wie dieBerge in ihrer riesenhaften Gestalt und Pracht fromme Gedanken an den großen,mächtigen Schöpfer wach riefen, so waren es die wogenden Aehrcn auf den goldenenFeldern und die bunten Blümchen auf den Wiesen, war es der reiche Gottessegen ringsum uns, der an einen gütigen, barmherzigen Gott der Liebe uns erinnerte.
Wir erreichen das Dorf Hammersbach, benannt nach einem frischen Gießbache, andem es gelegen ist, mit einer Kapelle und den letzten Uebcrrestcn der Grundmauern derHerren von Hammersbach . Der Weg führt nun etwa eine halbe Stunde am Wasserhin und hat bei allen Naturschönheiten, die er bietet, seine kleinen Schwierigkeiten. —Zuerst heißt es mit Blühe und Schweiß einen steilen Berg hinanklimmen, um sodannwieder bis zur Tiefe des Hammersbaches hinabsteigen zu müsse». Hier schreitet derzarte Fuß über harte spitzige Steine und über Felsgerölle dahin und dort muß er fastin Schmutz und Lehmgrnnd versinken. Und jetzt, nachdem eine gute Strecke Wegeshinter uns liegt, warnt eine Tafel wegen der Gefahren der Holztrift den Weg über-haupt zu betreten! Wer diese Gefahren nicht kennt oder in frevelndem Sinne, viel-leicht auf den Spruch bauend, daß „kein Unkraut verderbe", den Weg zur Triftzcitbetritt, er mag sehen, wie er zurecht kommt, wenn plötzlich aufgerichtetes Scheitholz den