Ausgabe 
(14.11.1883) 91
 
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mit seiner gothischen Pfarrkirche und seinem lieblichen St. Anton liegt herrlich an demföhrengrünen Eckenberg (Roßwank) gelehnt vor Miseren Augen. Darüber hinaus erhebtsich der gemsenreiche Krottenkopf aus dem Kranze der ihn umgebenden Berge majestätischzum blauen Himmel.

Wenn jetzt ein Wanderer den Weg am Hammersbache bis zur Maxklamm pasfirteund in der Nähe dieser auf erhabenem Punkte seinen Blick auf die Felswand richtete,auf welcher wir in schwindelnder Höhe langsam hinziehen, er wurde staunen und er-schrecken ob unseres Wagnisses. In der That ist der Anblick der Wachscnsteinwand vonder Tiefe aus schrecklich. Senkrecht abstürzende Felsen von entsetzlicher Höhe unter-halb des Weges, ohne jeden Halt für den gleitenden Fuß, ohne Ranken und Gesträuchfür die blutende Hand, senkrecht aufsteigende, nackte Felsen oberhalb des Weges:das ist die Wachsensteinwand von der Tiefe betrachtet! Da wäre Niemand, der bei einemUnglücksfalle zu Hülfe kommen könnte, aber tiefe Klüfte und Höhlen hat das Wasserhier und dort in den Fuß der Felsen cingegraben schauerliche Gräber für denstürzenden Menschen!

Doch ist es droben nicht gar so schrecklich und nicht an Gräber und Moderluftdenkt unser Sinn, wo rings Blnmcndüfic und Lcbcnsfrische und Lebenslust. Wo ist esdenn noch so schön wie hier? Dann nur mag das Herz, auch des Kühnsten, Furchtund Beklommenheit befallen, wenn ein Gewitter in's Thal zieht und er vom Höllen-thal zurückkehrend an der Wnchsensteinwand vorüber muß. Furchtbarer und schrecklicherist ein Gewitter nirgends wie hier an der Felswand. Erschütternd rollen die Donner,leuchtend fährt der Blitz zur Tiefe, mit grimmer Faust bricht der wilde Wettersturmdie Föhren und Tannen im Thalgrnndc, wie Gießbäche sausen die Wasser von denHöhen nieder, Geröll und Fclsblöcke in ihrem Sturze mitfortrcißend. Wehe dem Armen,der nun an der Wand hinschreiten soll und es sich von den Felsen herab wie ein Wasser-fall über sein Haupt ergießt. Zitternd und bebend schmiegt sich der Wanderer an dieSteinwand und läßt die Wasser über sich hinweg in die Tiefe stürzen.

Heute war ein herrlicher Tag und wie ein großer Baldachin wölbte sich der blauewolkenlose Himmel über den Bergen. Muthig schritten die Herren auf dem trockenenFelspfade hin eine einzige Stangentreppe war durch tropfendes Wasser schlüpfrigund selbst die Damen schienen nicht mehr sehr ängstlich zu sein, wenn sie auch mitgroßer Behutsamkeit auf den Treppenstufen, welche an steilen Hängen in den Stein ge-hauen sind und die ihnen der kundige Führer zeigte, ihr Füßchen sehten. Viele Jahreist's her, da soll auch eine Königin voll Liebreiz und Anmuth im schönsten Frühlingdes Lebens den gefährlichen Felspfad gewandelt sein: Ihre Majestät Königin M arievon Bayern . Furchtlos schritt sie den Weg dahin, nur an zwei oder drei beson-ders beschwerlichen Stellen, vertraute sie sich dein Rücken eines alten Waidmann's an,der ihr Führer war und sie sicher aus der Gefahr brachte. Wie glücklich der Mannwar, und wie die Berge von seinen Jodlern wiederhallten!

Der gefahrvolle Pfad ist glücklich überwunden. Auf sicherem Boden schreiten wirwie über grünen Wicsenplan. Graue Felsblöcke hat der Sturm an den Weg gesetzt.Brombecrstanden halten sie mit ihren Ranken dicht umschlungen. Aus den grünen Weide-plätzen zwischen den alten Steinen und dem abgestürzten Gerölle suchen sich die Lämmerihr Futter. Den ganzen Sommer bringen die Heerden auf der Alm unter freiem Himmelzu, auch beim ärgsten Unwetter eröffnet sich ihnen kein schützendes Obdach. Selbst nochhöher droben, bei der Knorrhütte, triffst du die abgehärteten Thiere. Man erzähltsich sogar von einem Touristen, der in den fünfziger Jahren beim Besteigen der Zug-spitze den Schafen Salz streute und bald von einer so grüßen Menge umringt wurde,daß er sich nicht mehr vor den Thieren wehren konnte, seinen Bergstock an ihren Kopsenzerschlug und sich nur mit Mühe und Noth auf einen hohen Felsblock flüchtete; dieSchafe hätten ihn förmlich zerdrückt!