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Nach einer halben Stunde waren wir im Höllenthal. Der Weg dorthinfährte an einer frischen Quelle vorüber, die einen ersehnten Labetrunk bot, dann steilhinab Zur Brücke der Höllenthalklamm. Wer vermag das Schauspiel zu beschreiben, dassich nun vor den Augen entfaltete? Man hat schon oft zwischen den landschaftlichenSchönheiten unseres Vaterlandes Bayern und der Schweiz einen Vergleich angestellt. DieTaminaschlncht in der Ostschwciz und die Schlucht des Tricnt im Canton Wallis bietenetwas Ueberraschendes und Großartiges, wie man es kaum zu ahnen wagt. Mit beidenjedoch kann sich die Schlucht des Hammerbaches, im Höllcnthal bei Partenkirchcn messen.Nur ist letztere noch zu unbekannt, noch zu weit vom Schienenweg entfernt, noch zuschwer und zu gefahrvoll zu besuchen. Das sind vergangene Zeiten, da täglich mehrereDutzend Bergknappen den gefahrvollen Pfad am Wachsenstcin und die Brücke derHöllenthalklamm passirten, um hoch über derselben auf Silber- und Eisenerze zu innthen.Der Bergbau im Höllcnthal rentirte sich nicht, verlassen starren die Gruben von schwin-delnder .Höhe nieder, verfallen sind die Schachte, verfallen und schlecht die Wege. Esmögen nur wenige Menschen sein, welche das aufgelassene Bergwerk besucht haben.Wird doch selbst das vordere Höllcnthal so selten besehen und noch nie hat unseresWissens die Presse darauf aufmerksam gemacht. Und doch überragt die Höllenthalklamman Schönheit und Großartigkeit, aber auch an Fülle von wilden und schaurigen Scene-rien jede andere im bayerischen Gebirge.
Wir stehen auf der breiten Brücke, welche hoch über dem Hammersbach diebeiden Berge verbindet. Fast erschrecken wir, da wir einen Blick in die Tiefe werfen.Wie ein dünner Silbersaden schlangelt sich der Hammersbach fast 300 Fuß unter unszwischen dem engen Felsbctte fort. Stellenweise verschwindet er ganz unseren Blicken.Der Leser wird sich denken: „Das ist nicht anders wie bei jeder Klamm!" Aber sotiefe, schauerliche Gründe und so riesig hohe Felsmasscn, wie sie hier zu den beidenSeiten der Höllenthalklamm senkrecht zum .Himmel starren, findest du nicht leicht mehr
auf der Erde. Der Name „Höllenthal" ist so passend wie kein anderer. Besonders
haftet das Auge an den größeren und kleineren Wasserfallen, welche sich von verschie-denen Höhen in die Klamm stürzen. Einer von ihnen, der größte, ragt durch besondereSchönheit hervor. Wie ein starker, fnßdicker Silberstrom quillt er aus dunklem Fels-grund und schickt in raschem Sturze dem Hammersbache sein Wasser zu. Dort ragt,wie von einer überirdischen Macht hercingcsetzt, ein colossaler FclSblock aus der Klammempor, um den sich der tosende Gießbach wie im Halbkreise wälzt und an dem er seinZerstörnngswerk seit langer Zeit mnthwillig ausübt. (Anita, onvni lagnäsrn. Bereitshat sich eine größere Höhle im Felsgrnnde gebildet. Wenden wir unseren Blick auf-wärts und staunen wir die Schncemassen des „Hölle ufern er" an, welche dieMittagssonne mit prächtigem Glänze übergießt. Seit langen Jahren liegen sie droben,
die Schncemassen, im Thale zwischen den hohen Bergen, und noch niemals hat sie der
Sonne erwärmender Strahl gänzlich fließen gemacht. Vielleicht, daß unermeßliche Gründeunter dem weiß schimmernden Schnee sich ausdehnen.
Das Panorama auf der Brücke der Höllenthalklamm ist großartig und schaurigzugleich. Wer es liebt, die Alpcnwelt in ihrer größten Schanerlichkcit sich anzusehenund Scenerien zu erblicken, welche selbst das Herz des kühnsten Touristen erzittern undfast das Blut in seinen Adern erstarren machen, der versuche es, den schlechten und ge-fährlichen Weg über die Brücke (bis zum Ende des Höllenthalcs ist es eine Stundeund darüber) weiter zu verfolgen.
Was sind das für Pfade, die wir von der Brücke aus hoch oben an den Fels-i hängen erblicken? Sind jemals Menschen auf ihnen gewandelt? Das sind Wege, welche! die Jäger begehen und auf welchen die Wildschützen mit Gefahr des Lebens den Gemsen^ nachjagen und sich Beute suchen. Du siehst, daß zur echten Gemsjagd im Hochgebirge,bei welcher nicht die Thiere von den Treibern einige Schritte vor der Büchse vorbei-