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gejagt werden, kernfeste und geistesgegenwärtige Männer gehören — »Jäger voll Schneid"
— aber nicht in Pelz eingehüllte Sonntagsjäger. So treffend lautet ein „Schnadahüpfl":
„Hcrunten leicht Inga d' erfrngstAuf Henna und Hasen und Fuchs:
Wo drob'n aber 's Edelweis! wachstDa taugen die Mchrcrn halt nix."
Todtenstille herrscht rings im Thalc. Kein Geier steigt znm Himmel, kein Flüe-vogel setzt über den Thalgrnnd. Erstarken scheint jede Vegetation zwischen den grauenFelswänden und mit den Thieren „schweigt der Menschen laute Lust." Es regt sichhier in uns
„Was dem Herzen kaum bewußt,
Alte Zeiten, linde Trauer,
Und es schweifen leise SchauerWetterleuchtend durch die Brust."
— So singt Eichendorff und er kennzeichnet treffend die Stimmung des Wanderersauf der Brücke der Höllenthalklamm.
Der Rückweg von der Hölleuthalklamm bot keine besonderen Schwierigkeiten, auchder Felspfad an der Wachsensteinwand ward selbst von den Damen mit überraschenderCourage genommen. Am Ende dieses gefährlichen Fclssteiges angelangt folgten wirdem Wege, der znr linken Hand in's Thal von G rainan führt und erreichten diesesin einer guten Stunde. Es ist ein prächtiger Spaziergang, meist durch dunklen, schattigenWald führend, nur stellenweise etwas schmutzig und schlüpfrig. Die einzige schwierigePassage ist der sogenannte „Stangensteig", das sind 24 Treppenstufen, welche übereinen Abhang steil hinabführen.
Grainau ist ein anmnthigcs Dorf, prächtig im Thäte gelegen mit einer kleinen,armseligen und sehr der Restauration bedürftigen Kirche. Im Forsthause oder in derBehausung des Herrn Bcnefiziaten mag sich der Wanderer mit kühlendem Trunke stärkenund sein Herz am Anblicke der Zugspitze erfreuen, die sich hier prächtiger wieanderswo vor dem Beschauer erhebt. Im Jahre 1820 wurde sie zum ersten Male be-stiegen; jetzt stehen jährlich mehrere Hundert Personen — darunter auch einzelne Damen
— neben dem eisernen Kreuze auf ihrem Gipfel. Ein Bergführer, Namens Koser,kann vielleicht schon im nächsten Jahre die drcihnndertste Besteigung der Zugspitze miteinen! Jubiläum begehen; Heuer war er 25 mal droben. Im milden Winter desvorigen Jahres soll sie öfters bestiegen worden sein.
Die A nssicht von der Zugspitze ist großartig. Der Blick reicht von Kärnthenbis in die Schweiz, von der Donau bis an Italiens Grenze. Selbst den Einschnitt desBrennerpasses vermag das Auge Zu entdecken. In langen Reihen liegen die Tanren-kettc, das Stnbaigcbirge und die Ortlerkctte vor uns ausgebreitet. In der nächstenUmgebung liegt weißer Schnee, weiter hinab grüne Almen, dann Wiesentriften, durchwelche sich die Flüßchen wie Silbcrfädeu schlangeln, sodann die weitausgedehnte ober-bayerische Ebene, in welcher die blauen Seen wie große Gcnlianen erglänzen, rings umuns ein reicher Kranz von Bergen mit unzähligen Gipfeln und Zacken, über uns sonahe der wolkenlose, blaue Himmel!
Bereits war es Abend geworden, da wir den Weg von Grainau nach Parten-kirchen zurücklegten. Wiederum lag ein unvergleichlicher Reiz über der Landschaft. Esist ein Thal des Friedens und himmlischer Ruhe, durch das wir schreiten. Hier töntnoch das Posthorn, hier ist noch idyllisches Leben und Treiben zu finden, — wielange noch? Vielleicht, daß auch hier bald der schrille Pfiff der Lokomotive anstattdes Jodlers des Alpensohnes ertönt! Aber dann ist's mit der halben Schönheit desThales und mit der ganzen Poesie vorbei.
Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg . — Druck und Verlag desLiterarischcn Instituts von Dr. Max Huttlcr-