Ausgabe 
(17.11.1883) 92
 
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Ängslmrger PostMnng."

92. Samstag, 17 . November 1883.

Der Opalrrng.

Roman aus dem Englischen von E. C.

(Fortsetzung.)

Als Mrs. Daltoil St. Lawrence erblickte, fiel ihr ihre letzte Unterredung mit ihmein, und befangen ging sie mit einer stummen Verbeugung an ihm vorüber. Er er-widerte ihren Gruß mit demselben mitleidigen Lächeln, dessen Sinn sie sich nicht zu deutenwußte. Lena blieb stehen und reichte ihm die Hand. Sie glaubte kein Wort von denAndeutungen ihres Verlobten und um St. Lawrence zu treffen, hatte sie darauf bestanden,diesem Balle beizuwohnen. Er werde sie selbstverständlich sofort um den nächsten Tanzbitten und sie erwartete, ihn in 'völliger Verzweiflung über ihre bevorstehende Ver-mählung zu finden und deshalb wollte sie ihm ein Andenken, vielleicht eine Rosenknospeaus ihrem Bongnct schenken; diese werde er gewiß als seinen größten Schatz aufhebenund im Stillen darüber weinen. Aber zu ihrer größten Ueberraschung geschah nichtsdergleichen. St. Lawrence drückte ihr freundlich die Hand ohne sie jedoch zum Tanzeaufzufordern; er machte einige gleichgültige Bemerkungen, aus denen Lena sogar schließenmußte, daß ihr Erscheinen nicht die leiseste Gemüthsbewegung hervorgerufen habe, unddann wandte er sich an Bertha mit der Bitte um die nächste Quadrille. Lena fehltees nie an Tänzern, sie war wie immer die gefeierte Schönheit der Abende und dieHuldigungen, welche ihr von allen Seiten dargebracht wurden, befriedigten für denAugenblick ihre Eitelkeit und machten die herbe Enttäuschung schneller' vergessen.

Mrs. Daltoil war nicht ungehalten, als sie Mr. St. Lawrence und Bertha zu-sammen erblickte; letztere konnte gewöhnlich nicht so viele Tänzer aufzählen als ihre Schwester,und so war nach Ansicht der Mutter dieser doch besser als gar keiner. Unter solchenErwägungen breitete sie ihre Moire-Autikrobe aus, warf die Spitzenbärben der Haubezurück, nahm den Fächer zur Hand und saß nun in Bereitschaft, um die Gratulationenwegen der glänzenden Versorgung ihrer ältesten Tochter in Empfang zu nehmen.

St. Lawrence und Bertha sprachen wenig während des ersten Tanzes; das Glückendlich wieder einmal zusammen zu sein, genügte ihnen. Wie sie dort neben ihm stand,den leisen Druck seiner Hand verspürte, und seine Augen mit zärtlichem Blicke auf ihremAntlitze ruhen fühlte, da drängte sich ihr das beseligende Bewußtsein auf, daß sie geliebtwerde, und in ihrem sanften Erröthen, den niedergeschlagenen Augen, dem leisen Bebender kleinen Hand, glaubte St. Lawrence untrügliche Zeichen zu gewahren, daß er hoffendürfe.

Sie geben mir auch den folgenden Walzer?" sagte er, sich zu ihr neigend, nach-dem er ihre Bitte erfüllt und sie zu einem Stuhle geführt hatte.

Den nächsten wohl nicht", erwiderte Bertha lächelnd; zu gleicher Zeit schaute siezu ihrer Mutter hinüber und. bemerkte, daß diese sie beobachte.

Glauben Sie, dieverfassungsmäßige Behörde" werde Einspruch erheben?" frug