Ausgabe 
(17.11.1883) 92
 
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neuen Einrichtung zu erfahren. Als wir in's Bibliothekzimmer eintraten, fuhren meineSchwester und ich überrascht zurück. Neben dem Kamine befand sich ein lebensgroßesPortrait; ich hätte es für das Ihrige gehalten, so auffallend ist die Ähnlichkeit."

Bcrtha fühlte, wie der Arm, auf welchen sie sich lehnte, zusammen zuckte und mitbefangener Stimme frug St. Lawrence:So, wessen Portrait war es?"

«Dasjenige seines unglücklichen Sohnes, sagte uns der Carl. Vermuthlich desjüngeren, welcher nach Amerika ging."

Wahrscheinlich", bestätigte St. Lawrence, und dann schwiegen beide eine Zeitlang. Diese Stille kam Bertha bedeutsam vor und sie suchte nach einem neuen Themazur Unterhaltung. Jedoch war es St. Lawrence, welcher zuerst das Wort ergriff.

Sie haben gewiß gehört, welcher Art die Unterredung war, die ich mit Mrs.Dalton bei meinem letzten Besuche zu Joy Collage hatte?"

Etwas hörte ich davon, aber Mr. St. Lawrence, bitte, denken Sie nur nicht, ichhabe das Mindeste von dem, was gesagt wurde, geglaubt!" .

Der Ton, mit welchem sie, sich selbst unbewußt, dieses versicherte, traf das Herzihres Zuhörers. Er blieb stehen, ergriff ihre beiden Hände und blickte ihr fragendin's Gesicht; sie bebte vor Erregung. Der Ausdruck dieser scheuen, flehenden Augenwar nicht mißzuverstehen.

Bertha!" rief er, ihre Hände festhaltend und sie an seine Brust drückend aus:Willst Du mein sein? Ist es wirklich so, soll ich glücklich werden?"

Ja", sagte sie weichfür immer die Deinige, wenn Du willst."

O mein holdes, süßes Lieb", jubelte er voller Entzücken, als er ihre geflüstertenWorte vernahm und zog Bertha sanft zu sich heran.Aber bedenke wohl, was Duthust", setzte er nach einem kurzen Augenblicke hinzu.Weißt Du auch, daß es mirvielleicht nie möglich sein wird, den Namen, welcher mir rechtmäßig zukommt, anzunehmenund ich dann nicht im Stande sein werde, mich von dem bösen Verdacht zu reinigen?Und wenn ich genöthigt wäre, von hier fortzugehen, ein entmuthigtcr Mann, obschonnicht durch eigene Schuld?"

O Eustace", lispelte Bertha, den Kopf an seine Schulter lehnend,was liegtmir daran!"

Nun, dann mag es kommen wie es will, mir gilt es gleich." Er beugte sichzu ihr nieder nnd drückte einen innigen Kuß auf ihre Lippen.

Wie lange sie dort draußen verweilten, wußte Keines von Beiden; Bertha wurdesich zuerst bewußt, daß die Zeit rasch verflogen sein müsse und mahnte zum Aufbruch.

Mrs. Dalton hatte ihre jüngere Tochter vermißt; das Souper war zu Ende undnoch immer erschien sie nicht.

Wo in aller Welt hast Du gesteckt?" frug sie, als Bertha endlich zu ihr hintratnnd wie erhitzt Du bist Du siehst ja ganz erregt aus."

Findest Du, Mama? Ist es nicht bald Zeit, nach Hause zu fahren?"

Das hängt von Lena ab, ob die damit einverstanden ist. Wenn Du auch keine

Tänzer hast, so halte ich es doch nicht für nöthig, deshalb ihr Vergnügen abzukürzen.

Du glaubst nicht, wie viele Glückwünsche ich heute Abend wegen ihrer baldigen Ver-

heirathung in Empfang genommen habe. Es war ein wahrer Triumph."

Bertha erinnerte sich der geheimnißvollen Worte ihres Bräutigams nnd ein Vor-gefühl kommenden Unglücks tauchte in ihr auf. Schweigend nahm sie neben ihrer MutterPlatz und obgleich sie nicht mehr tanzte, bemerkte Mrs. Dalton doch nichts Außergewöhn-liches an ihr nnd ehe Lena sich zum Fortgehen bereit erklärte, hatte sie ihre äußereFassung ivieder erlangt.

Beim Abschiede fand St. Lawrence eine passende Gelegenheit, nochmals Bcrtha'sHand zu drücken; doch begleitete er sie nicht bis zum Wagen, aus Furcht, ihr einenTadel zuzuziehen. Er wollte selbst den ersten heftigen Vorwürfen der Mrs. Dalton