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schauspiele vom Doctor Faust hervorgegangen sind. Unter diesen sind wohl das Ulmer,Augsburger und Straßburgcr Puppenspiel die wichtigsten. In seinen „Schildereien ausTirol" erwähnt Jgnaz Ziugerle ein Tiroler Faust-Drama, dessen Handschrift ans denneunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stammt. Weicht schon dieses Stück von demalten Volksschauspiele bedeutend ab und zeigt es den Einfluß des Kunstdrama's, so istdies noch mehr der Fall mit der Faust-Tragödie, mit der wir uns zu befassen haben.
Auf einer Ferienreise durch das Pnsterthal kam ich in den Besitz mehrerer hand-schriftlichen Volksschauspiele, worunter sich neben dem Faust-Drama eine „Genovefa", ein„Samson", ein „Aegyptischer Joseph", eine „Maria Stuart ", ein „Otto von Wittels-bach", eine „Nothburga" und dergleichen vorfand. Das specifisch tirolischc Interessefand seine Rechnung in dem „Allgemeinen Landsturm in Tirol, oder: Die Flucht derFranzosen "; und damit die Würze nicht fehle, hatte sich ein Kotzebue in das Repertoireverirrt. Die Bretter, welche sonst die Welt bedeuten, waren diesmal nur von Wichtig-keit für die Bewohner eines Dörfchens, Namens St. Georgen, das nördlich von Bruncckam Eingänge des Taufererthales liegt. Der „Kachlerwirth" daselbst hatte seine Scheuneals Muscutempel adaptirt, die Bauen: theilten sich in die Rollen, und die Weiber undKinder bildeten das kritische Publikum. Noch jetzt wissen alte Leute wunderbare Märenzu erzählen von all' dem verschwundenen Zauber an Costnmen und Dekorationen, die zurVerwendung kamen. Es war die schöne Zeit, wo das Volk in Folge der feindlichenInvasionen die höchste Lebenskraft nach Außen und Innen entwickelte. Während dieblutigen Schauspiele am Berg Jscl und im Her-zcn des Landes gespielt wurden, erhobund ergötzte man sich am Bühnenspiele.
Wann dieses „Theater " einging, ist mir unbekannt; .sicher ist, daß 1823 hier nochgespielt wurde.
Die meiste Anziehung scheint unter den „Schauspielen " die Faust-Tragödie geübtzu haben. Auf dem Umschlage des mir vorliegenden Manuskriptes' hat eine Bauernhandes nicht versäumt, die Bemerkung zu machen: „Dises ist ein schenes spihl."
Das Interessanteste an diesem Faust-Drama ist aber der Umstand, daß es bisauf geringfügige Abweichungen wortwörtlich übereinstimmt mit dem sogenanntenMünchener Drama des Jahres 1775, das K. Engel 1877 neu herausgab und dasnun in zweiter Auflage erschienen ist. Der Autor des Münchener Drama's ist biszum heutigen Tage unbekannt; ich hoffe aus dem mir vorliegenden Manuskripte nach-weisen zu können, daß der Verfasser wahrscheinlich ein Tiroler ist.
Bevor wir jedoch an die Beweisführung gehen, wird es die Leser dieses Blattesinteressiren, den Inhalt unseres „Faust" kennen zu lernen.
Zwanzig Jahre sind verflossen, seitdem Faust den Bund mit dem Bösen geschlossen.Er ist geehrt als mächtiger Zauberer, alle Genüsse der Welt stehen zu seiner Verfügung;er hat sie durchgekostet, aber unbefriedigt wendet er sich ab. Indessen der Teufel be-steht auf seinem Schein, heute noch will die Hölle ihr Opfer haben. Faust sieht mitEntsetzen das Schreckliche seiner Lage. Noch einmal klammert er sich mit der ganzenEnergie seiner Natur an's Leben an, er hofft auf Rettung und er kann gerettet werden;denn der Himmel hat ihm einen guten Engel gesandt, Jthnriel, der als treuer Dienersein Vertrauen sich erworben. Vor unseren Augen entspinnt sich der heiße Kampf umFansten's besseren Theil, den Mephistophcles kämpft, indem er sich mit den Leiden-schaften des Unglücklichen verbindet; Jthnriel, indem er sich auf die wenigen schwachenKeime des Guten stützt, die F§nst noch geblieben. Wer wird siegen?
Im ersten „Auszuge" werden wir in den Palast des Zauberers geführt. Es ist
°) Innsbruck , Wagner, 1877. S. 48. fg.
„Johannes Faust ". Ein allegorisches Drama, gedruckt 1775, ohne Angabe des Ver-fassers, und ein württembergischcs Textbuch desselben Drama's rc., herausgegeben von K. Engel.Zweite Auflage. Oldenburg (Schulze'sche Hosbuchhandlnng).