Ausgabe 
(21.11.1883) 93
 
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oder b zu bemerken. Mehr wagte er, aus Furcht, das Papier zu zerstören, nicht weg-zuputzen. Hierauf füllte er das leer geschüttete Packetchcn mit Arrowroot und legte eSan die vorige Stelle. Dann verschloß er das Kästchen, trug es zu dem Zinimer seinesHerrn zurück und befestigte den Schlüssel wieder an der Uhrkette.

Jedoch war seine nächtliche Arbeit noch nicht beendet; er stieg von Neuem dieTreppe hinunter, und begab sich dieses Mal zum Kaffeezimmer, wo ein Londoner Adreß-kalendcr lag. Das Verzeichniß der Apotheker aufschlagend, verfolgte er mit dem Fingerden Buchstaben N.

Nolan", das muß der richtige Mann sein", sprach er leise vor sich hin, währender den Namen und Wohnort notirte.Wir machen ja jetzt Riesenfortschritte! Sich vorVergnügen die Hände reibend, suchte er sein Lager auf.

Achtunbzwanzigstcs Capitel .

Die Heimfahrt vom Balle verlief ziemlich schweigsam. Mrs. Dalton war müdeund schläfrig; Lena, trotz der geernteten Schmeicheleien mürrisch und eifersüchtig undBertha glücklich, ihren Gedanken nachhängen zu können.

Obgleich Lena sich klar bewußt war, daß die Neigung, welche sie für St. Law-rence hegte, unter den jetzigen Verhältnissen Unrecht sei, traten ihr doch bei der Erin-nerung an seine völlige Gleichgültigkeit Thränen in die Augen. Der Wahn, er liebesie, war zerronnen und seine Artigkeiten gegen Bertha hatte sie mit eifersüchtiger Qualbeobachtet. Noch nie in ihrem Leben stand ihr die Wahrheit, daß Stolz und Eitelkeitsowie das übermäßige Verlangen nach den irdischen Gütern keine wahre Zufriedenheitgewähren, sondern nur Falschheit und Ueberdruß im Gefolge haben, so deutlich vor derSeele.

Bertha, welche nie viele Theilnahme von den Ihrigen erfahren hatte, besaß nichtdie Gewohnheit, zu ihrer Mutter hinzueilen, um Freude und Leid an ihrem Herzen aus-zuweinen und so war es ihr wenigstens während des ersten freudigen Erröthensüber ihr neu gefundenes Glück unmöglich, ein freiwilliges Geständniß abzulegen.Hätte Mrs. Dalton sie darum gefragt, so würde sie offen das gegebene Versprechenbekannt haben; sie war ja entschlossen fest daran zu halten und sich durch kein Hindernißoder irgend welche Einrede beirren zu lassen. Sie hatte ihren Bräutigam gebeten, liebereinstweilen noch nichts von ihrer Verlobung zu sagen.Nicht, als ob Mama Dir nichtgewogen wäre, Sie liebte Dich immer und wenn Mr. Fanconrt nicht länger im Wegeist, so wird schon Alles gut werden."

Das ist auch mein festes Vertrauen, liebes Herz", war seine bedeutsame Ant-wort gewesen.

St. Lawrence kehrte zu Fuß nach Hause zurück; es war ihm so leicht zu Muthe,als ob er Flügel habe. In seiner glücklichen Stinmmng dünkte ihm Schlafen eine Un-möglichkeit zu sein. Deshalb vertauschte er seine Balltoilctte mit einem Promenaden-Anzugc, machte sich eine Tasse Kaffee znrecht, steckte seine Cigarre an und ging ungeachtetdes Regens von Neuem aus, um einen längeren Spaziergang zu machen.

Obschon deramerikanische Urwald" nicht so rasch fortgeschritten, wie der KünstlerWohl wünschen mochte, so nahte er doch allmählig seiner Vollendung. Das Bild wurdewahrhaft schön, denn der junge Mann hatte als gewissenhafter Arbeiter alles, bis aufdie kleinsten Einzelheiten, sorgfältig durchgeführt.

Aber heute konnte er nicht malen, er versuchte es nicht einmal, sondern setzte sichan seinen Schreibtisch und theilte Bertha die Geschichte seiner Liebe vom Anfange biszum Ende mit; er erzählte ihr, wie ihn zuerst Lena's Schönheit gefesselt, aber wie baldschon während des ersten Abends ihrer Bekanntschaft ihre edlere Natur ihn angezogen;ferner sagte er, daß er Douglas wegen versucht habe, seine Liebe in die Grenzen der