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Freundschaft einzuzwängen und wie dieser Versuch so gänzlich mißlungen sei. Aus diesemGrunde habe er sich, um nicht Gefahr zu laufen, seine Gefühle zu verrathen, verpflichtetgefunden, sie zu meiden. Alles dieses und noch viel mehr schrieb er ihr und schloßdann mit der Bitte, ihm unbedingtes Vertrauen zu schenken selbst dann noch, wenn derSchein gegen ihn und sein Verhalten unerklärlich sei.
Gegen drei Uhr hielt ein Wagen an der Thüre und die Schelle tonte durch dasstille Haus. St. Lawrence achtete nicht darauf; es wohnten noch mehrere Familiendort und er empfing nur selten, Besucher. Schritte näherten sich und nachdem ange-klopft worden, warf ein Diener die Thüre auf und meldete:
„Lord MphingtoM"
Wenn eine Bombe im Zimmer geplatzt wäre, hätte St. Lawrence nicht mehr zu-sammenfahren können. Die Zeichnung, welche er eben in die Mappe zurücklegen wollte,entfiel seiner zitternden Hand und einen Augenblick stand er sprachlos da. Doch baldgewann er seine Selbstbeherrschung wieder und näherte sich mit natürlichem, edlem An-staube, um den Eintretenden zu begrüßen.
„Mr. St. Lawrence, wie ich vermuthe", sagte Lord Alphington, welcher denjungen Mann aufmerksam beobachtet hatte.
Dieser verbeugte sich zustimmend.
„Ich hörte von ihrem Talente als Landschaftsmaler und da ich ein Gemälde fürAlphington Park wünschte, nahm ich mir die Freiheit, Sie aufzusuchen."
Er wandte sich dem Bilde auf der Staffelei zu, aber ein feuchter Schleier legtesich über seine Augen und verhüllten den Gegenstand, welchen er betrachten wollte.
„Darf ich fragen, ob dieses schon eine Bestimmung hat?"
„Einstweilen noch nicht, Mylord. Da das Bild noch nicht vollendet ist, konnteich es nicht zur Ausstellung schicken."
Der Earl nahm vor der Staffelet Platz,. Lange saß er dort in Betrachtung ver-sunken, aber während seine Augen auf die Leinwand hinblickten, schwebten andere mannich-faltigere Bilder an seinem Geiste vorüber.
Die Hand auf die Lehne eines Stuhles, gestützt, stand St. Lawrence in seinerNähe. Unbewußt hatte er die Stellung des Portraits in der Bibliothek zu MagnnsSquare angenommen. Das helle Licht fiel auf sein männliches Gesicht, dessen Schön-heit durch das sorglose Btalerkostüm noch hervorgehoben wurde.
Als Lord Alphington von dem Gemälde aufblickte, seufzte er tief, seine Wangenrötheten sich und mit zitternder Stimme frug er:
„Welche Summe verlangen Sie dafür?"
„Das Bild ist zu zweihundert Pfund geschätzt, Mylord", erwiderte der jungeMann, mühsam seine Rührung unterdrückend.
„Das ist gut — recht gut. Ich wünsche es zu kaufen, natürlich steht Ihnen dannNoch immer frei, es vorher auszustellen. Ich würde Ihnen ein Unrecht zufügen, wennich dies verhindern wollte. Jedoch Sie unterschätzen das Bild meiner Ansicht nach."
Er nahm sein Notizbuch heraus, ging zum Tische hin wo das Tintenfaß standMtd schrieb eine Anweisung auf dreihundert Pfund, welche er St. Lawrence überreichte.
„Sie sind zu gütig, Mylord", entgegnete dieser und wieder glitt derselbe uner-klärliche Ausdruck tiefer Rührung über sein Antlitz.
Lord Alphington winkte mit der Hand, als ob er sagen wollte: Lassen Sie esgut sein — und nahm dann in einem Sessel an der Seite des Tisches Platz.
(Fortsetzung folgt.)