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Das Münchener Faust-Drama von ein Tiroler Drama?
(Studie von I. Sccber.)
(Schluß.)*)
II.
Den zweiten Aufzug eröffnet ein Gespräch des guten und bösen Geistes.Mephistopheles erkennt seinen Feind und verräth dessen Absichten. „Wir werden ausallen Kräften gegen einander kämpfen; laß' sehen, wer siegen wird!" Damit gibt erdas Signal zum bevorstehenden Kampfe um Faust's Seele. Jthuricl befiehlt ihm aber,sein Jncognito nicht zu verrathen. Mephistopheles gehorcht zwar, doch kann er sich'snicht versagen Faust vor dem neuen Diener zu warnen, er habe „ältere Rechte auf seineFreundschaft". Faust weist ihn zurück, da ergrimmt der Teufel und droht ihm. Faustsieht seinen „Freund" entlarvt als seinen größten Feind und ist nun bereit, die Gnade,welche der Himmel ihm anbietet, zu benutzen. Er dürfe auf diese hoffen, denn er habeseine Macht meistens dazu benützt, Wohlthaten zu spenden.
„Wohlthaten?" spottet der Teufel. „Du — Wohlthaten? Wisse, Thörichter, daßDu lauter Unglückliche gemacht hast."
Faust: „So hab' ich denn Keinen glücklich gemacht?"
Mephistopheles : „Nur Einen, nämlich Deinen Feind, dem Du aus Haß Glück,Ehre, Vermögen und Alles geraubt hast."
Der Teufel muß ihm die Wahrheit seiner Worte beweisen. Nacheinander führter seine Zeugen herbei: einen Bettler, den Faust gehaßt; einen Wucherer, einen Soldatenund einen Anwalt, die durch Faust's Zauberkunst geworden, was sie sind. Mephisto-pheles gibt seinem Herrn bald die Gestalt eines vertrauten Dieners, bald die eines Edel-mannes : und so schaut er in einen Abgrund von Verworfenheit, in ein Meer von Leiden-schaften, die seine „Wohlthaten" entfesselt haben. Nur der Alte, den er zum Bettlergemacht, dankt ihm, weil er erst durch ihn zum Glücke, zur Zufriedenheit gelangt sei.Faust verzweifelt an den Menschen und an sich selbst, er wagt kaum mehr zu hoffen,weder für dieses noch für's andere Leben.
Jthuriel ist unterdessen nicht unthätig gewesen. Der dritte Aufzug bringt unszunächst wieder Faust's Eltern. Der Engel beruhigt sie, klärt sie über Faust's Zustandauf und verspricht seinen Beistand zur Rettung. Sie sollten sich jetzt zurückziehen, zurrechten Zeit werde er sie zu ihrem Sohne führen, den die Sprache des Herzens, wieer hoffe, rühren werde.
Mephistopheles seinerseits sucht Faust von jedem Neucgedanken abzuhalten. Eineprächtige Tafel und schöne Mägdlein sollen Faust bethörcn. Triumphircnd spottet erdes gntcn Engels, der so wenig ausgerichtet wie Gott selbst durch die Erlösung.
Wagner führt die Schönen in den Saal und ist so entzückt von den „artigenGesichtern", daß er „Monsieur Mephistopheles" ersucht, „eines unter diesen allerliebstenKindern" auswählen zu dürfen. Faust gefällt keine; für Helena allein fühlt er Freund-schaft, und Liebe für seinen Sohn, obwohl auch Hiebei sein „Herz seufzt." Wagner sorgtfür Gesang, die Würze des Mahles. In diesem Momente erscheinen Faust's Eltern,geführt von Jthuricl. Mephistopheles räumt mit seinem Anhange das Feld, Faust istallein mit seinen Eltern. Die Vorwürfe der Mutter, der Fluch des Vaters, wirken aufihn, er stürzt zu ihren Füßen. Das Mnttcrherz wird gerührt; auch der Vater ist zurVerzeihung bereit, wenn sein Sohn Alles verläßt und ihm folgt. Faust ist dazu bereit— da führt der Unstern Mephistopheles Helena mit ihrem Sohne herbei. In rasenderLeidenschaftlichkeit bestürmt sie ihn, bei ihr zu bleiben; Faust schwankt. Da zückt sieden Dolch gegen Faust's Sohn, die Drohung erschreckt ihn. Sein Vater fordert seine
*) Siehe Nr. 92.