Nr. 94.
1883.
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„Äugslmrger postzeitnug."
Samstag, 24. November
Der OpairLng.
Roman aus dem Englischen von E. C.
(Fortsetzung.)
„Wenn ich nicht befürchten müßte, Sie Ihrer kostbaren Zeit zu berauben, so würdeich Sie bitten, sich zu mir zu setzen und für eine halbe Stunde Geduld mit einem altenManne, der sich mit Ihnen unterhalten möchte, zu haben."
„Meine Zeit steht ganz zu Ihrer Verfügung", erwiderte St. Lawrence und ließsich etwas zögernd und verlegen Lord Alphington gegenüber nieder.
»Ihre Freundinnen, die Misses Dalton, welche mich gestern in meinem Hausebesuchten, waren äußerst erstaunt über die auffallende Aehnlichkeit, die Sie mit demPortrait meines Sohnes haben, den ich das Unglück hatte, vor längeren Jahren, alser nicht viel älter war, wie Sie jetzt sind, zu verlieren", begann der Earl. „Ich wünschtemich persönlich davon zu überzeugen und finde nun, daß diese wirklich besteht und zwarnicht allein in den Gesichtszügen, sondern auch in der Stimme und dein ganzen Wesen.Deshalb drängt sich mir die Ueberzeugung auf, daß Sie mit unserer Familie verwandtsein müssen, obgleich ich mir nicht erklären kann, von welchem Zweige derselben Sie ab-stammen könnten. Sie sehen nicht allein meinem Sohne so außerordentlich ähnlich, sondernhaben auch das echte Faucourt's Gesicht, wie die alten Portrait's zu Alphington Parkbezeugen. Ich schicke dies voraus, damit Sie nicht denken, bloße Neugierde habe michhierher getrieben."
„Das würde ich in keinem Falle gethan haben", entgegnete St. Lawrence miteinem Lächeln, welches das Herz des alten Mannes entzückte. „Miß Bertha Daltonerzählte mir gestern Abend von der aufgefundenen Aehnlichkeit." Weder das Aufleuchtender Augen, noch der weiche Ton der Stimme bei Nennung dieses Namens entging derscharfen Beobachtung des Earls. „Es ist, wie ich vermuthete — zwischen den Beidenbesteht ein intimeres Verhältniß", und laut sagte er:
„Darf ich fragen, wo Sie geboren sind?"
„Ich bin Amerikaner von Geburt."
„So, also in Amerika geboren?" Und in Gedanken setzte der Earl hinzu: „Dasist ebenfalls sehr seltsam."
Der Junge Mann beeilte sich fortzufahren.
„Leider muß ich befürchten, Athlord, daß Sie mich, nach der großen Liebens-würdigkeit, welche Sie mir erwiesen, sehr undankbar finden werden. Aus ganzer Seelebedauere ich, genöthigt zu sein, mich Ihnen gegenüber in so ungünstigein Lichte zeigenzu müssen. Aber gewisse Verhältnisse zwingen mich, eine Zurückhaltung zu beobachten,welche um so peinlicher für mich ist, da sie sehr leicht ein mißfälliges Urtheil von SeitenDerer, bei welchen ich vor allen Anderen in Achtung stehen möchte, herbeiführen könnte."
„Werden diese Verhältnisse je eine Aenderung erfahren?" frug Lord Alphington