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„O, wie bin ich so krank", stöhnte sie.
„Leider befürchte ich das, Madame. Können Sie sich erinnern, wie es kam, baßSie so unwohl wurden?"
„Nein. Gestern fühlte ich mich schwach und übel. Mr. Fauconrt versprach mir,ein Linderungsmittel aus der Apotheke mitzubringen. Ich habe zweimal davon genommen,befinde mich aber viel schlechter danach." Mrs. Leinont sprach wie Jemand, der in denletzten Zügen liegt. „Bitte, heben sie mich etwas mehr in die Höhe."
Er willfahrte ihrem Wunsche, und Eliza schob ihr mehrere Kissen unter den Rücken,so daß sie sich in sitzender Stellung befand.
„Eliza, ich würde an Ihrer Stelle eine Tasse Suppe von Arrowroot zurecht machen,'aber Sie müssen sie mit Milch kochen", setzte er mit leiserer Stimme hinzu: „Milch istein Gegenmittel in einigen Fällen."
„Das will ich sofort thun, Mr. John", erwiderte das Mädchen. „Meine Herrinhat seit gestern Morgen nichts mehr zu sich genommen." Ueberwältigt von diesemGedanken drückte sie ihr Taschentuch vor's Gesicht und eilte weinend zum Zimmer hinaus.
John blickte um sich und bemerkte auf dem Kamingesims eine Flasche.
„Ist dieses die Arznei, welche Mr. Fancourt Ihnen besorgte?" frug er, sie gegendas Licht haltend.
„Ja, bitte geben Sie mir nichts mehr davon — sie macht mich schlimmer."
„Ah, das wundert mich nicht! Wenn Sie erlauben, nehme ich sie mit und lassesie umändern; diese taugt wirklich nicht für ihren Zustand. Und dann möchte ich Ihneneinen guten Rath geben", fuhr er, nahe an sie herantretend mit flüsternder Stimme fort:„Nehmen Sie nichts von dem, was Mr. Fauconrt Ihnen gibt oder anräth."
Airs. Lcmont riß in wilder Angst die Augen auf; ihr leichenfarbencs Antlitz warvon Furcht entstellt und sie versuchte aufzuspringen, indem sie schrie: „BarmherzigerHimmel, er hat mich vergiftet!"
„Weshalb glauben Sie das? Hatte er irgend einen Grund dazu?" frug John,sich Mühe gebend, seine äußere Ruhe beizubehalten, obgleich das Leiden der unglücklichenFrau ihn schmerzlich berührte.
„O, ich weiß es nicht! Er befahl mir, England zu verlassen und ich wollte nicht.Ach, retten Sie mich, und Alles, was ich besitze soll Ihnen gehören!"
Der Schrecken schien ihr außergewöhnliche Kraft zu verleihen. Sie umklammerte,zitternd am ganzen Körper, John's Arm, als ob sein Wille über Leben und Tod zuentscheiden habe. „Fassen Sie Muth", tröstete er, „Sie werden wieder besser. DerArzt muß bald hier sein." Und zornig fuhr er fort: „Ich hoffe,' daß Sie es noch er-leben werden, jenen Bösewicht bestraft zu sehen."
„Ja, er ist ein Bösewicht! Niemand weiß das besser als ich", schluchzte die Un-glückliche.
„Was ist er Ihnen?" John heftete während dieser Frage seine klugen Augenforschend auf ihr Gesicht und langte mit der freien Hand nach dem Glase.
Sie ließ seinen Arm fahren, bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen und wiegtesich hin und her. Körperlicher Schmerz und Seelenqual stritten mit dem gewaltig her-vorbrechenden Willen, um die Herrschaft, sich an dein Manne, welcher sie vernichtenwollte, zu rächen.
„Nehmen Sie noch einen Schluck und beruhigen Sie sich."
Unfähig das Glas zu halten, erhob sie den Kopf und duldete, daß John es anihre Lippen brachte. Mit Gewalt sträubte sie sich gegen die Schwäche, welche sie vonNeuem zu übermannen drohte. Eliza kehrte mit der Suppe zurück. John nahm sie ander Thüre in Empfang und sagte:
„Ich habe etwas mit Ihrer Herrin zu sprechen und werde schellen, falls ich Ihrerbedürfen sollte."