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Seine Stimme klang befehlend und Eliza, ohne selbst recht zu wissen, warum,gehorchte ihm schweigend und zog sich in die Küche zurück.
Er versuchte nun die Suppe vor den Augen der Kranken, um ihr Muth zu machenund hielt ihr die Tasse hin; sie nahm einige Löffel voll zu sich.
„Das wird Ihnen gut thun."
(Fortsetzung folgt.)
Bei den Gemsen auf dem Krottenkopf.
Nicht bloß an landschaftlichen Schönheiten, von denen einige näher zu schildernwir bisher in zwei Artikeln versucht haben, an aussichtsreichen Bergen und wildroman-tischeil Thalgründen besitzt das Werdenfelser Land einen großen, fast unermeßlichen Reich-thum, auch die Thiere der Alpcnwelt finden sich hier in zahlreichen Arten und großenMengen vor. Beim Spaziergange iin lieblichen Thal gegen Grainau stehst Du dasflüchtige Reh am Waldsanm weide». Da kannst Du beim Morgcudämmern auf demWege vom Kainzeubad nach Wamberg , dein höchstgelcgenen Dorfe deutscher Erde, prächtigeZehnender unter den Buchen treffen. Wer jedoch das eigentliche Hochwild der Alpen-region, die Gemsen, oder um mit den Jägern zu sprechen, die „Thiere" sehen und inihrem ganzen Leben und Treiben beobachten will, der hat hiezu die beste Gelegenheit ausdem fünf Stunden von Parteukirchen entfernten Krottenkopf, einem imposanten Berg-kegel, der majestätisch über die ihn umgebenden Höhen 7000 Fuß hoch zum Himmelragt. —
Auf einen unfreundlichen Regentag, an dem selbst das Getriebe eines ländlichenJahrmarktes das Herz des Sommerfrischlers nicht aufzuheitern im Stande war, folgteein herrlicher Hcrbstmorgen. Der Entschluß, bei so prächtiger Witterung und in sowundervoller Gegend, einen Berg zu besteigen, braucht nicht erst nach langen Ueber-legnngen gefaßt zu werden, wie von selber rührt und regt sich's in den Füßen und dieHände greifen unwillkürlich nach dem Bergstöcke in der Ecke der Stube. Und so wan-derten der Freund und ich um die neunte Morgenstunde an St. Anton und der eben inRestauration begriffenen Taxkapelle vorüber, den Krottenkopf zu besteigen. Wenn auchder Ausblick in's Loisachthal von der Höhe der steil hinanzichendcn Straße ein immerhinwundervoller und bezaubernder war, so ließen doch verschiedene Umstände, besonders ein-zelne über den Spitzen des Wetterstein's und des Kramcr's liegende Ncbelgrnppen mitziemlicher Bestimmtheit vermuthen, daß die Fernsicht vom Krottenkopfe heute zu wünschenübrig lasse, und dies um so mehr, da es eben Tags zuvor in Strömen gegossen hatteund die Grde bis tief hinein durchfeuchtet worden war. Trotzdem ließen wir uns nichtabschrecken, weiter zu steigen, um wenigstens den Gemsen des Krottenkopfes unserenBesuch abzustatten.
So erreichten wir die Esterb er galpe mit dein höchstgelegcnen Gehöfte derGegend, reizend zwischen waldigen Bergen auf saftiggrünem Wiesenplaue erbaut, den einforellenrciches Büchlein anmnthig durchströmt. Der Weg führt zur Rechten am Ecken-berg, zur Linken an einer hohen Gecöllwand vorbei, zu deren Füßen ein mächtiger Fels-block wie von überirdischer Macht hierhergesetzt und von den Leuten die „Kanzel "genannt, den Steig begrenzt. Weiterhin kamen wir am Bette eines ausgetrocknetenSee's vorüber. — Hier reizte unseren Geruchsiun der betäubende Duft von nppig-wucherndem Alpenschnirtlauch. Noch einige Schritte, und wir standen vor dem sauberen,freundlichen Gehöfte selbst, das Oekonomiegut, Wirthshaus und Schule zugleich darstellt.Die beiden ersten mag der Leser vereinbar finden, doch auch das Dritte reimt sich hierzum Ganzen. Denn am Esterberg besteht eine sogenannte „Nothschule", d. h. dieKinder des Hauses eignen sich die nothwendigen Kenntnisse am heimathlichen Herde an,Liebmütterlein ist ihre Lehrerin, zur Schale ist der Weg zu wett und für junge Füßchenzu beschwerlich. Es waren recht fröhliche Kinder, die uns entgegensprangen, reinlich