Ausgabe 
(24.11.1883) 94
 
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gekleidet und mit einem Aussehen wie rothwangige Aepfel, und weil weit entfernt vonden Kindern der Tiefe und des Thales, unverdorben an Leib und Seele. Man darfaber nicht glauben, es fehle den guten Leuten droben an Wissensdurst und Wissensdrang;nur der Schule und des Kirchgangs wegen hat der Esterbergcr jüngst ein Gehöfte zuFarchant, einem freundlichen Dorfe an der Loisach , erstanden, das er mit anbrechendemWinter beziehen wird und wo er seine Kinder in die Schule schicken kann.

Der Weg führt nun durch grüne Wiesen an dem Trümmerhaufen eines zweitenGehöftes, desHinterestcrbergs" vorüber, dann durch schattigen Wald, zuletzt eine langeStrecke an einem Berghange hin, bis er sich endlich zur linken Hand in ein lieblichesThal biegt. Die frischbeschncite Kuppe des Krottenkopfs, die wir an der Esterbergalmzum ersten Male in ihrer großartigen Majestät betrachteten, ist nun wieder sammt derUnterstandshütte auf ihrem Gipfel vor unseren Augen verschwunden. Zur Rechten desThales streckt derBischof" sein kahles, felsiges Haupt in die Lüfte. Welch ejnTrümmerfeld liegt zu Füßen des mächtigen Berges, der wie ein colossales Monument,die Größe des Schöpfers zu verkünden, gen Himmel ragt! Der riesenhafte Berg bieteteinen überwältigenden Anblick. Ohne jegliches grüne Gehänge, eine graue Felswandan der anderen, starrt er in die Höhe. Hier siehst Du abhängende Geröllfclder ohnejegliche Spur einer befeuchtenden Quelle oder eines grünen Gewächses. Nur die Alpen-Dohle und der Flüevogel läuft an der Steinrinnc hinan, sich seine spärliche Nahrungin den Feisrippcn zn suchen. Zur linken Hand passiren wir den Saum des mehrlieblichen Krottenkopses. Die letzten Wcttertannen, die letzten Fichten stehen am Wege,dann beginnt das Krummholz, durch das ein ziemlich beschwerlicher Weg, durch Wildund Almvieh beschädigt, den Berg hinanführt.

Wir stiegen eine halbe Stunde, ohne Rast zu halten, dann aber wurde dasFläschchen mit Cognac zur Stärkung hervorgezogen und zum ersten Male Spähe nachGemsen gehalten. In einer tiefen Thalmulde in der Gegend nach Norden sahen wirin halber Höhe des Berges die ersten Thiere. Mit freiem Auge konnten wir nichtsicher unterscheiden, ob Hirschwild oder Gemsen zwischen den Felsblöcken weiden. Vor-sichtig suchten wir einen großen Fels zu erreichen, hinter den wir uns verschanzten. Hierwurde nun das scharfe Fernrohr aufgelegt und wenige Augenblicke später hatte ich einenherrlichen Bock im Glase. Es war der Wächter einer größeren Heerde, der sich mitseinen vier Füßen auf einen winzig kleinen Felsvorsprung postirt hatte und sorgfältigeUmschau im Gebirge hielt. Mit Muse betrachtete ich mir das Rudel, -vielleicht zwölfoder vierzehn Stück, ohne Ausnahme erwachsene prächtige Thiere, die vorsichtig aufgrünem Plane zwischen den Felsen weideten oder mehr gegen den Bischof zu im Geröllesich Gräser und Almrausch suchten. Der Rücken der Thiere schien gedeckt zn sein, dochwäre es immerhin möglich gewesen, sie von Eschenloh her zn überraschen, ihnen aufSchußweite nahe zu kommen und das eine oder andere Thier niederzustrecken. Auch dieSeiten der Thiere waren gesichert, und nach vornhin hatten sie einen ungehindertenAusblick und Ucbcrblick über die ganze Gegend. Sicher hatten sie uns schon erspäht,ehe wir uns hinter dem Felsen postirten; doch hielten uns die Thiere wohl selbst beiunserer weiten Entfernung noch für ungefährlich, und ziemlich furchtlos, wie es schien,suchten sie sich ihre Nahrung. Indessen war doch keine Ruhe auf dem Abhänge, wosie grasten; Alles lebte,'Alles regte sich, jeden Augenblick wären die Thiere zur Fluchtbereit gewesen, wie sie sich überhaupt auch bciin Ruhen nur selten auf den Boden aus-strecken. Es hätte nur eines Pfiffes bedurft, eines lautes Schreies, und in wilder Fluchtwären die Gemsen in's Gerölle und die Felsen verschwunden.

Das war ein prächtiger, schwarzer Bock, der droben bei den Thieren die Wachehielt. Einzelne Minuten stand er unbeweglich auf seinem Felsen und so konnten wirprächtig die Gestalt des Thieres- beobachten. Die Gemse ist ein Wunder de r>Schöpfung. Alles an ihr ist für das Leben in den höchsten Regionen des Gebirges