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geschaffen: Dieser kurze gedrungene und elastische Körperbau, die laugen, starke» Füßen— „Läufe" genannt —, der gestreckte Hals, das scharfe Auge, die langen, spitzen nachvorwärts gerichteten Ohren, die angelförmigcn, nach rückwärts gekrümmten Hörner.
Ja, es ist etwas Wunderbares, etwas Großartiges um die Füße der Gemse.Sie sind lang und dick und Mit stahlhartcu Sehnen durchzogen. Die Hufe siud ge-spalten und am Rande mit einer harten Einfassung umgeben, so daß sich das Thierbeim Abspringen auf einen Felsen oder beim Hinanklettern und Anfasse» von Wändendurch das Auseinanderspringen der zwei Hustheile wie mit den Spitzen zweier Bergstöckeeinhacken und festklammern kann. In Folge dieser Beschaffenheit der Füße und ihreselastischen Körperbaues setzt die Gemse, ohne einen Anlauf zu nehmen, über Klüfte von3 bis 4 m Breite, ja es sind Fälle bekannt, daß sie im Augenblicke der Gefahr selbstBreite» von 6 m sicher genommen hat. Nicht leicht ist ihr eine Tiefe zu groß; siespringt über Wände von 5 bis 6 m Höhe hinab, um sofort mit ihren dicken und festenLäufen aus einem kaun: tellergroßcu Felsvorspruugc Posten zu fassen.
Und wie sind Auge und Ohr der Gemse so wundervoll construirt! Das Augevermag die heißesten Sonnenstrahlen so gut wie das unruhige Glitzern weitgcdehnterSchneefelder zu ertragen. Und wie das Gesicht so sind auch Gehör und Geruchsinngleich vortrefflich ausgebildet. Das Geräusch, welches ein in ziemlicher Ferne vom Felsenherabrollendes Stcinchen verursacht, läßt die Gemse nicht unbeachtet. Sie wittert denMenschen oft auf 1 und 1^ Stunden, oft ja sogar noch weiter, besonders wenn einleiser Luftzug von ihm herzieht. Dann spitzt das Thier die Ohren, wird ängstlich undunruhig, macht sich sprungbereit. Die Gemsen merken sich jeden Weg, den sie nur ein-mal gegangen, keimen jeden Felsen, der ihnen sichere Deckung bietet, ja scheinen sich selbstvor einzelnen Personen, wie Hirten, weniger zu fürchten, ohne sich deshalb denselben bisauf Schußweite zu nähern, vielleicht weil sie auch unter den Hirten Männer mit derBüchse wittern. Selbst im Schlafe thun die Sinneswerkzcuge dieser Thiere ihre Schuldig-keit und auch zur Nachtzeit haben sie einen Wächter ausgestellt. Mit Recht ist deshalbdie Gemse das Sinnbild der Wachsamkeit.
Lange beschauten wir uns die schönen, friedlich nebeneinander weidenden Thiere.Sie waren nicht gleichfarbig, das eine nicht so dunkel gefärbt wie ein anderes. WeißeGcmsböckc sind eine große Seltenheit und hat Schreiber dieses erst einen einzigen ge-sehen, der, wenn wir nicht irren, anfangs der siebsiger Jahre auf dein Miesing erlegtwurde. Nun ging's im Zickzack den Berg hinauf, an murmelnden, frischen Quellenvorbei, durch Büscheln von Almrausch, welchen der erste Schnee gebleicht, an Fclsstcinervorüber, die wie Uebcrreste einer verfallenen Burg aufeinandcrgeschichtet lagen. So ge-müthlich und ungefährlich führt der Weg dahin. Doch wie ganz anders mag's nacheinem Gewitter sein, wenn aus dem sanft säuselnden Büchlein ein tosender Wildbach geworden, oder im Frühjahre, wenn sich droben am Buge des Krotteukopf's, dort wodie neue Untcrkunftshntte steht, ein Schneekügclchen ablöst und hinabzurollen anfängt,allmählich größer wird, bald das ganze Schneefeld in Bewegung setzt und endlich mitdonnerndem Gepolter als mächtige Lawine zu Thal fährt, daß die Bäume krachen unddie Felsen beben!
Fast hatten wir den Bergrücken erreicht und bogen gerade um eine Ecke, welcheder Schlangenweg bildet, da tauchte in nächster Nähe von uns und noch innerhalbSchußweite ein ganzes Nudel Gemsen aus. Gemessen und langsam, ohne eine Gefahrzu ahnen — es herrschte völlige Windstille, und wir hielten uns sehr ruhig — zogensie an uns vorüber, an der Spitze das Leitthier oder die „Vorgeis", dann folgte einThier dem anderen in regelrechtem Gänsemarsch. Es waren ungefähr 40 Stücke, dieam Saume hinzogen. Zwei Thiere hätten wir mit Leichtigkeit erlegt, doch das drittestand im Nu um 20 Schritte höher und nach einigen Sekunden war der ganze Zugaußer Schußweite. Nur einen Moment stritten uns die Thiere, dann ging's pfeilschnell