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Die Gymnastik oder Körperbewegungen.
Von vr. I. A. Schilling.
* Bor vierzig Jahren, als ich schon daran war, zmn Gymnasium meiner bischöf-lichen Vaterstadt „aufzusteigen", dachte man noch kaum an Gymnastik selber. Niemandhat uns auch gesagt, daß Gymnasium eigentlich ein Institut sei, in welchem nachdem Muster der alten Griechen, von denen wir doch den Namen entlehnten, eigentlichdie Pflege des Körpers znr Bildung, Schönheit und Stärkung des Leibesgepflegt werden sollte. Wir hätten auch kaum Etwas von der Kalokagathta derAthener d. i. der körperlichen und geistigen Schönheit der Gricchenjnnglingegewußt, wenn nicht Halm's griechisches Ucbersctzungsbuch einen ähnlichen Sah gebrachthätte. — „Die Quelle und Wurzel der Kalokagathic ist die Erziehung",lautete der erste Satz in genanntem Buche. Uns war das Gymnasium nicht der licht-volle Spielplatz zur Körperübuug, sondern ein massiv viereckiges, dreistöckiges, dunklesQuaderstein-Gebäude, in dem uns die Herren Professoren das -r nrc» ^ rc. ein-trichterten oder uns mit den Dietrichen der mathematischen Wissenschaften d. i. den Ziffern» b a rc. die pythagoräischen uud andern Euclid'schen Lehrsätze in's jugendliche Gehirneinzubohren sich bemühten. Und die Reden des Demosthcnes und des alten HomersJlias, wie schwer wurden sie unter Seufzern verdolmetscht in harkgcbrochencin Deutsch ,wenn wir von dem lichtblauen, hellenischen Himmel träumend in unserer finsteren Schnl-stube den dumpfen Odem der nachbarlichen „Fcuergasse" ciuschlürfteu. — OI hätte einLucian oder Solon unser „Gymnasium" sehen können! — Welch' ein Pcnthatloul
— Als wir noch jünger waren und noch die Elementarschule besuchten, thaten wir unsmit der wirklichen Gymnastik schon leichter, ohne das Wort noch gekannt oder ver-standen zu haben. Die mit Kastanienbäumcn besetzten Hügel hinter unserer Schule amI.. berge waren unser Lieblingstummelplatz und ohne noch etwas von der Gesundheits-lehre des Apostels und Natnrarztes Rikli zu wissen, der im Barfußgchcn mitRecht viel Gutes findet und ohne den Fechtlchrer und Poeten Peter HenrikLtugg auch nur dem Namen nach zu kennen, übten wir uns viermal des Tages inrSpringen, Klettern, Wcttlauf, Ringen und dergleichen Künsten. Nicht selten freilich ausKosten der Kleider! Wohl war dies keine regelrechte Gymnastik, — doch war siewohlthuend und gesund zugleich. Und heimlicherweise, wenn Eltern und Verwandteferne waren, übten wir uns auch im Barfnßlanfen und trugen die mit einer Schnur zu-sammengebundene Stiefel um den Hals, über beide Achseln geschlungen.
In der Nähe unserer heimathlichen Herbergen zogen wir heimlich dies Schuhwerkwieder an den Leib, damit die durchaus mit solchem Gangwerke nicht einverstandenenHerrn und Frauen Eltern unser vorheriges Thun nicht entdeckten. An den Abendenführten wir um einen freistehenden Häufcrstock, dessen vier Ecken von einem Strumpf-wirker, Schreiner, Feilcnhauer und Schiffer bewohnt waren, das Nachlauf- und Ver-stcckenspiel auf, wobei es vieler Gewandtheit der Füße bedurfte, um nicht ertappt zu werden.
Wir aber liefen und schrieen und rannten jubelnd ohne Unterlaß. — Der alteStrumpfer schimpfte über den Lärm, wie ein invalider Profose und der schwindsüchtige,bucklige Schreiner verfolgte uns manchmal mit dein Maßstabe. — Hätten wir damalsschon gewußt, daß der Hellene seine Götter die Freunde des Spieles nannte, wirhätten diesen griesgrämigen Spielfeindcn gewaltig die Meinung gesagt. - - Wir warendamals gesunde, frische, wenn auch mitunter noch kleine Knirpse, jedoch sind auch mancheder damals laufenden und springenden Jnngcns geistig und körperlich große Männer,manche helle Lichter in Kirche und Staat geworden.
Wir waren stolze, lateinische Geier. Da klopfte es eines Nachmittags an der Thüreunseres Schulzimmers. Der Pedell mit seinem grauen Schnurrbarte, — ein gewesenerWachtmeister — trat herein und rief: „Heute Abend um 5 Uhr wird geturnt!"
— „Geturnt!" — welch' neues, welch' ein vielsagendes Wort, das uns seine