Ausgabe 
(1.12.1883) 96
 
Einzelbild herunterladen

766

Bewegung auf der Wiese ii» Eichenwäldchen neben dem schönen Flnßnfcr in Aussichtstellte! -

Es war ein schöner Iunitag! DasTurnen " der Studenten war für die Be-wohner meiner Vaterstadt damals eine neue Erfindung gewesen. Ich ließ mir aber,noch bevor ich den Marsch nach dem eine halbe Stunde von meiner Wohnung entfernten,mit allen Reizen der jugendlichen Phantasie reichlich ausgestatteten, Turnplatz antrat,noch etwas an meinen Stiefeln ausbessern.

Mein alter Schuster sagte:Aha! heute geht's ja zum ersten MalezumTurniere!"?

Ja zumTurniere", sagte ich, harrend der in Reparatur befindlichen Stiefelund der Turnicrkünste, die da kommen sollten. Mir war fast ein wenig bange!

Und unsere Bürgerschaft, wenigstens ein guter Theil derselben, hielt Turnierund Turnen für gleichbedeutend. Meine selige Großmutter aber behauptete, dies wärewieder so eine neue Erfindung, um die Beinkleider unter besseren Ausreden, gleich-sam officiell würde man heut sagen, zerreißen zu können.

Der Turnplatz war erreicht, blank und nackt und ohne jedwelchc Vorrichtung. Dieschon früher Angekommenen lagen singend und johlend im Grase. Wir wurden nunklassenwcise in Reih' und Glied auf dem schönen Plane aufgestellt und wie angehendeSoldaten hin und her gejagt; rechtsum, linksnm! u. s. w. Den Herrn Turnmeisterspielte unser Pedell von der schlimmen JugendPudel" genannt.

Dann brach ein Donnerwetter los. Durchnäßt bis auf die Haut kamen wir nachHause. Dennoch war es da draußen recht schön gewesen, wenn auch die besorgtenMütter zankten ob derdummen Prinzipien", die man jetzt auf den Schulen ein-führe, die durchnäßten Kleider beklagten und H ollerth ec kochten, damit der jungeStudent von seinem ersten Turniere keinen Katarrh davon trüge.

Es war 20 bis 22 Jahre später. In München hatten insbesondere viele meinerBekannten aus den Künstler-, Studenten- und dergleichen Kreisen sich vielfach mit derJahn'schen Turukunst beschäftigt und gingen daran, Vereine zu gründen. Die Debattenspielten im grünen Hofe!

Als ich im Jahre 1861 für das Abendblatt derNeuen Münchner" Zeitung unterder verantwortlichen Redaktion meines Landmauncs I. N. Vogel eine Studie über dasIdeal der körp erlichen Bew egun gen oder der Gymnastik der Hellen en"geschrieben hatte, da glaubte man der leibhaftigeGottseibeiuns" wäre los. Manwitterte manches Aufwieglischc, Feindliche in der Turncrei und der Wahlspruchfrisch,froh, fromm und frei" und die Erziclung körperlicher Jugendkraft war Vielen einDorn im Auge. Man hätte fast meinen können, ein hinterm Ofen hockender Krüppelwäre mehr werth wie zwei thatkräftige, muskelgeübtc Turner.

Wieder sind mehr als 20 Jahre verstrichen. Wer heute die Zeitungsberichte überTnruerfahrten, Turnerfeste, Tnrnerwettspiele, Turnerbälle u. s. w.liest, wird in dem Glänze der Turnerei von heute sich kaum mehr ein Bild von ehedemzu machen im Stande sein.

Vor 40 Jahren hieß es: Vorwärts, rechtsum 1, 2, 3! kehrt euch! rückwärts4, 5, 6 bis 21, 22! Vor 20 Jahren galten schon die für gymnastische Künstler,welche ein paar Arm- ober Kniewellen nach einander am Recke oder ein paar breiteSprünge am Barren ordentlich zu Stande brachten.

Heute glaubt man bei den Turnproduktionen ein Steinschleudern, Wettsprünge,Klettern und dergleichen oft eine Abtheilung der indianischen Drachentruppe vor sich zuhaben, die auf freistehenden und frcibalancircnden Leitern Serenaden, Flöten und Walzergeigen u. s. w.

Manche um des lieben Geldes oder Brodes halber sich produzirenden Acquilibristenmüssen hinter vielen unserer Turnerhelden von heute zurückstehen. Und auch ein