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Herzog Christoph würde jetzt seines Gleichen iin Steinwcrfcn finden. — Das müßtegerade nicht sein und die Hellenen führten auch keine halsbrecherischen Kunststücke anf inihrem Pentathlon. Aber Schaden bringen solche Leibesübungen für Den, der dazu ge-wüthet und geeignet ist, sicher nicht. Bedenken wir nur welch' hohen Segen und Nutzender gliedergewandte, kühne und unerschrockene Steiger der Feuerwehr bringen kann undin Nothfällen wirklich bringt! Kühnheit und geistige Fassung müssen die Begleiterinnenderlei Turncr-Knnststücke sein, das Vertrauen auf diese gelenke Kraft ist zu gar Vielemund in manchen Gefahren gut und nütze.
„Der junge Mann soll und mutz sich körperlich üben, er muß turnen'', — ist einheute Gottlob! allerwärts anerkannter pädagogischer Grundsatz, damit „in der schönenForm die schöne Seele" die Kalogathia d. i. die Güte und Schönheit der klas-sischen Alten sich voll und ganz zu entwickeln im Stande sei. Darum betete auch derSpartaner znm Zeus : „Gib uns zum Guten das Schöne d. i> znr geistigen,idealen Schönheit das körperliche Wohlbefinden!" — und der Bittende ward erhört vommächtigen Gotte. —
Man glaube aber ja nicht, daß die Tnrnerei oder Gymnastik erst eine Erfindungder klassischen Völker gewesen. Die Gymnastik d. i. die Nebnngcn des Körpers undzwar sowohl die, welche dazu bestimmt sind, den Körper abzuhärten und vorKrankheiten zu schützen, wie auch die, wodurch man körperliche Leidenzu heben suchte, sind so aIt, als das Menschengeschlecht mit allseinen Gebrechen des Körpers selber.
Die Hauptbchandlnng der Krankheiten, welche bei den früheren, noch im Natur-zustände lebenden Menschen nicht so complizirt und intensiv wie heute waren, bestand ineiner mehr äußerlichen wie dies heute noch bei den Negern an der Goldküste und andererNationen der Fall ist. Hat man ja auch bei uns in der jüngsten Zeit wieder znr so-genannten Massage d. i. der alten Muskelknctnng, Klopfung und dergleichen gegriffenund hicdnrch vielfach die schönsten Heilungen erzielt.
So bedienten sich schon die Inder und Aegypter, die vorzugsweise erstenKulturvölker des Alterthums der mechanischen Einwirkungen — einer Art Massage beiKrankheiten. Von den Acgyptcrn empfingen die Griechen ihre Cultur und bei diesenerreichte die Gymnastik ihren Glanzpunkt.
Die griechischen Gymnasien waren genaue.Kenner des menschlichen Körper-baues. Von diesen „Gymnasiasten" ließ man sich ebensowohl von Krankheiten heilen,wie sich körperlich ausbilden und vor Kranksein bewahren.
Schon Hippocrates, der Altvater der rationellen .Heilkunde, sgwie G a l c n u s(im zweiten Jahrhundert nach Christus) schrieb sogar eine Abhandlung über den diäte-tischen Nutzen der Körperbewegungen.
Bei den Römern war es Aselcpiades, 100 vor Christus, welcher dergymnastischen Heilkunde eine bestimmte Grundlage gab, anf welcher Arown, Linggund Andere weiterbantcn. Später war es Celsus , der mit Feuereifer die Gymnastikvom diätetisch heilenden Standpunkte aus empfahl. Mercnrialis Sydcn-ham im 17., Füller , Fissot im 18. Jahrhunderte, waren es, welche der Gymnastikwieder ihr volles Recht in der Heilkunde einräumten. —
Die Gymnastik in ihrer Blüthezeit war nicht nur die wahrste Erzieherin,sondern anch der beste Arzt und die sicherste Bcwahrerin vor Krankheiten,ebenso das einzige und einfachste Mittel, Körper und G e i st gleichmä ß i ggesund zu erhalten.
Die Vorbeugung vor Krankheiten d. h. deren Verhütung, die zehnmal ein-facher und leichter ist als die Heilung wirklich vorhandener Leiden — bildet aber nichtnur den Hanptbcstandtheil der modernen Heilkunde in der sogenannten Hygieine, sondern'wird auch vorzugsweise die Heilkunde der Zukunft sein. Schon Hnfeland