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Verlobten, welche unbedingt nothwendig geworden ist, ihr nicht allzu großen Schmerzbereiten möge."
„Trennung — nothwendig?" stieß Mrs. Dalton mühsam hervor. „Was solldas Alles bedeuten, Sir Stephan?"
„Der Mensch, welcher sich Faucourt nannte, ist als gemeiner Betrüger entlarvtworden und gar nicht der Enkel Lord Alphington's."
Ein leiser Schrei entfuhr Mrs. Dalton.
„Wie? Mr. Faucourt wäre nicht Mr. Faucourt? O, der Bösewicht, hierher zukommen und meiner armen Lena einen Antrag zu machen. Was sollen wir nun an-fangen, und das Hochzeits-Frühstück ist schon bestellt."
Sie rang fassungslos die Hände. Auf eine solche Nachricht war sie nicht vor-bereitet und einem Anderen als Sir Stephan würde sie nicht geglaubt haben; aber siekannte ihn hinreichend, um zu wissen, daß nur ein wichtiger Grund ihn zu dieser Mit-theilung veraillaßt habe'.
„Es ist Ihnen nicht unbekannt, wie wenig Lady Langley und ich mit dieser Ver-lobung einverstanden waren. Die arme Lena ist wirklich in eine äußerst unangenehmeLage gerathen, doch hoffe ich, daß sie, wenn sie ruhiger geworden, froh sein wird, nochfrühzeitig genug den Sachverhalt erfahren zu haben, denn dieser Schurke heißt Scdleyund ist ein vcrheirathcter Mann."
Entsetzt fuhr Mrs. Dalton in die Höhe. „O wie schrecklich, schrecklich! Meinarmes, theures Kind — das genügt, um sie zu tödten! Mir konnte es schon den Ver-stand rauben."
Nur der heilsame Respekt, den sie vor Sir Stephan hatte, bewahrte sie vor einerOhnmacht. Gewaltsam das laute Stöhnen unterdrückend, preßte sie ihr Taschentuchvor's Gesicht. Sir Stephan blickte sie theilnahmsvoll an; aber was hätte er ihr zuihrem Troste sagen oder thun können? In seinem innersten Herzen bedauerte er es nicht,daß die Verbindung aufgelöst wurde, so peinlich auch die Ursache sein mochte.
„Aber Lord Alphington glaubte, Mr. Faucourt — oder wer er immer sein mag— sei sein Enkel", sagte Mrs. Dalton, endlich ihr Taschentuch sinken lassend.
„Ja gewiß, und es hat ihn Ueberwindung genug gekostet, dies zu thun; erst heuteMorgen erfuhr er, daß der Taugenichts dem wirklichen Erben die Papiere gestohlenhatte! —"
Je mehr Mrs. Dalton die ganze Angelegenheit begriff um so trauriger wurde sie.Ihre Thränen flössen unaufhörlich; die ganze herrliche Zukunft löste sich also in Nichtsauf. Was würden ihre Bekannten dazu sagen? Was aus Lena werden? Sie konnte esnicht ertragen, es war zu hart.
Sir Stephan suchte sie von der Betrachtung ihres übergroßen Kummers abzulenken,indem er sagte:
„Sie kennen den echten Mr. Faucourt ebenfalls."
Mrs. Dalton antwortete nichts; nun wo ihre Hoffnungen auf so grausame Weisevernichtet worden waren, interessirte sie nichts mehr auf der Welt.
„Bisher führte er den Namen St. Lawrence", erzählte Sir Stephan weiter.
„St. Lawrence!" rief Mrs. Dalton mit erneuerter Lebhaftigkeit und geröthetenWangen aus. „Wird denn Jeder etwas anders? Woher weiß man das? Ist es auchganz gewiß wahr, Sir Stephan?"
„Ja, dieses Mal kann kein Irrthum obwalten." Der alte Herr konnte sich denplötzlichen Wechsel in ihrem Benehmen nicht erklären.
„Nun, St. Lawrence hat mir gleich gut gefallen. Ich sagte ja immer, daß eretwas Vornehmes an sich habe. Vielleicht ist es trotz alledem nicht so sehr schlimm",fuhr sie, ihre Thränen trocknend, fort, als sei ihr plötzlich ein guter Einfall gekommen.Ueber das Gesicht Sir Stephan's glitt ein spöttisches Lächeln. „Die Frau ist verrückt".