782
dachte er bei sich. Mrs. Dalton, welche dieses Lächeln als eine Zustimmung zu ihreneigenen Gedanken ansah, wurde zutraulich und sagte, die Falten ihres Kleides in Ord-nung bringend:
„Ihnen, Sir Stephan, als alten Freund der Familie darf ich wohl verrathen,daß meiner festen Ueberzeugung nach Mr. St. Lawrence in Lena verliebt ist. Er wolltees freilich nicht eingestehen, als ich mit ihm darüber sprach — ich hielt es für noth-wendig, ihn in dieser Beziehung zu warnen — aber damals konnte er ja selbstverständlichnicht daran denken, ihr einen Antrag zu machen. Jetzt ist das etwas ganz anderesund das Troussean ist schon fertig und Alles ist bereit/'
Sir Stephan frug sich im Stillen, ob er wohl während seines ganzen Lebenseine so einfältige Person wie Mrs. Dalton angetroffen habe. Ihre grenzenlose Thor-heit entwaffnete ihn beinahe. Obschon er es eigentlich überflüssig hielt, ernstlich aufdiesen Gegenstand einzugehen^ konnte er ihre Aeußerung doch nicht stillschweigend vor-übergehen lassen.
„Die Empfindungen von St. Lawrence sind mir vollständig fremd. Ich begreife,daß die zukünftige Stellung eine größere Anziehungskraft für Lena besaß als dieserSedley; in diesen: Falle ist es ja schon gut, sie wird dann um so weniger Kummer
haben aber es würde mir doch leid thun, von einem Mädchen glauben zu müssen, daß
man sie einen: Federballe gleich von den: Einen zum Andern Hinüberwerfen könne."
Obschon Mrs. Dalton fühlte, daß seine Worte eine Zurechtweisung enthielten, wares ihr doch unverständlich, wodurch sie diese hervorgerufen habe. Wieder vergoß sieeinige Thränen und sagte dann:
„Lena liebte ihn ja gar nicht, deshalb kann davon keine Rede sein. Können Siedenn nicht einsehen, welch' gutes Arrangement das wäre — alles könnte so vorangehen,als ob nichts vorgefallen sei."
„Machen Sie denn meinetwegen ein solches Arrangement", fuhr Sir Stephan, sichzornig von seinen: Stuhle erhebend, heraus. „Wenn dies das Ende der Geschichte sein
soll, so ist meine Theilnahme total überflüssig. Verhcirathen Sie Lena nur an den
jetzigen Mr. Faucourt, aber das versichere ich Ihnen, ich will nichts damit zu schaffenhaben und verzichte auf die Ehre, Vaterstelle bei ihr zu vertreten. Schonen guten Morgen!Der kleinen Bertha meinen besten Gruß: je eher sie unter diese«: Verhältnissen nachLarkspur übersiedelt, um so besser für sie."
Mit diese:: Worten schritt der alte Seemann grimmig von bannen und ließ Mrs.Dalton in voller Verzweiflung zurück. Lena's glänzende Zukunft war vernichtet. Sir-Stephan in: Aerger fortgegangen, warum, wußte sie selbst nicht, viellcich: war auch LordAlphington ungehalten, gerade als ob sie sich etwas habe zu Schulden kommen lassen.Sir Stephan hatte den Menschen, welcher sich Faucourt nannte, einen Betrüger undTaugenichts gescholten und auch gesagt, er sei von vornherein gegen diese Verbindunggewesen und jetzt war er zornig, daß Lena ihn nicht liebte. „Das ist doch zu unver-nünftig", überlegte Mrs. Dalton bei sich „Lena sollte ja den Enkel Lord Alphington'sheirathen, und wo es sich nun herausgestellt hat, daß der wirkliche Enkel eine viel an-genehmere Persönlichkeit ist, so ist das nur um so besser für Lena.
Sie vermochte nicht einzusehen, was man dagegen einwenden könne. Ihr Kopfschwindelte; es kam ihr vor, als ob Alles in größter Verwirrung und sie dazu berufenfei, Ordnung zu schaffen.
Dreiunddreißigstes Capitel.
Auf dem Bahnhöfe in Surreh angekommen, führte Eliza die beiden jungen Damenverborgene Seitcnpfade entlang dem Landhause zu. Trüber Nebel verhüllte die Land-schaft; von Wald und Wiesen war die sommerliche Pracht gewichen.