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„Ich wollte, wir wären nicht hierher gegangen; sagte Lena schaudernd, „es ist zuunangenehm."
Bertha antwortete nichts, sie war zn sehr mit ihren Vermuthungen über dasResultat dieser Reise beschäftigt.
Bald erreichten sie die Villa. Durch die Fenster des Speisezimmers erblickten sieeinen Polizisten, welcher behaglich seine Pfeife rauchte. Wie es schien, hatte Perkin'snach ihnen ausgespäht, denn noch ehe sie anklopfen konnten, wurde schon die Thüregeöffnet. Er führte die beide» Damen in's Ansprnchziinmer, während Eliza hinaufging,um Mrs. Lcmont von ihrer Ankunft zn benachrichtigen. Schon bald kehrte das Mädchenzurück und meldete, ihre Herrin wünsche die Misses Dalton bei sich zn sehen.
Lena ging vorauf und Bertha folgte ihr mit bebenden Knieen. Sie wurden inein Schlafzimmer geführt; neben dem Bette, auf welchem die Kranke lag, stand einegutmüthig aussehende Matrone mit sauberer weißer Haube und Schurze. Die vicrnnd-zwanzigstündigc Krankheit sowie die marternde Scclcngual hatten eine traurige Ver-wüstung bei Julie Lcmont angerichtet. Ihre bleichen Wangen waren eingefallen, dieAugen sahen ungewöhnlich groß und geisterhaft und der Mund verzerrt und trocken aus.
AIs Bertha eintrat, leuchtete der Ausdruck des Wiedcrerkennens in ihrem Gesichteauf und sie sagte mit schwacher kaum vernehmlicher Stimme:
„Ab, wir haben uns schon früher gesehen. Erinnern Sie sich?"
Bertha würde in dem fahlen Leichengcsichte vor ihr nicht die schöne glänzendeErscheinung von Westbourne Grove wiedererkannt haben, hätte sie nicht deren Namengehört und gewußt, in welch' naher Beziehung sie zu dein Ringe stehe.
„Ja, ich erinnere mich. Es thut mir leid, Sie so krank zn sehen", setzte sie thcil-nchmend hinzu.
Mrs. Lcmont wandte sich zu der Wärterin:
„Verlassen Sie uns! — Es ist keine Gefahr vorhanden, daß ich entfliehen werde."Ein gespcnstcrhaftes Lächeln begleitete diese Worte. „Ich wünsche mit den jungen Damenallein zu sprechen."
„Sie leidet an plötzlichen Ohnmachten", sagte die Frau zögernd. Der Doktorbefahl mir, sie keinen Augenblick zu verlassen."
„Wenn Sie sich in das Nebenzimmer begeben wollen, so werde ich Sie rufen,falls es nöthig sein sollte", bemerkte Bertha, und die Wärterin, welcher der Blick unddas Wesen Bertha's Vertrauen einflößte, erwiderte:
„Jawohl, Miß; ich werde in das gegenüberliegende Cabinet gehen; dort kann ichnicht hören, was gesprochen wird. Wenn Sie meiner bedürfen, so bitte ich nur dieSchelle zu ziehen." Zufrieden mit dieser Einrichtung zog sie sich zurück.
(Fortsetzung folgt.)
Goldkörner.
Jugend ist die Zeit der Saat,
Merk' cS dir bei Zeiten!
Bald heran das Alter naht,
Rasch die Jahre gleiten.
Lass' nicht öde, dürr und brachRuhen deinen Acker,
Geh' der Arbeit emsig nach,
Schaff' und pflüge wacker!
Jugend ist die Zeit der Saat,
Alter sammelt Garben;
Höre d'rnm auf guten Rath,
Willst du einst nicht darben!
Fr. Beck.