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Die Gymnastik oder Körperbewegungen.
Von vr. I. A. Schilling.
(Schluß.)
Wer mit dcn Muskeln gearbeitet hat d. h. gymnastisch thätig war, der setze sichruhig hin und gebe mit einem angenehmen Lesestoffe seinem Gehirne eine milde Be-wegung. Wer nur. mit einzelnen Muskeln arbeitete z. B. schreibend, der übe mit Sorg-falt die müssig gewesenen. Wer mit dem Gehirne thätig gewesen, der rege seine Mus-keln an, turne oder marschire im Freien. Alle Körpertheilc, welche gymnastisch geübtwerden, erstarken dabei, so der fechtende Arm, der gehende Fuß (des Postboten). Auchselbst die Haare werden durch das häufige Kämmen gymnastisch geübt und ihr Wuchsgekräftigt, ebenso die Zähne durch das Kauen. Das Gehen ist eine der einfachsten undin der Regel am wenigsten beschwerliche gymnastische Uebung. „Vieles ginge besser,wenn mau mehr ginge", sagt Seume mit vollem Rechte. Darum ist auchdie Wanderschaft sehr gesund. Nicht aber das Wandern beim Wagcnsitzeu und Fahrenvon Wirthshaus zu Wirthshaus, sondern das wirkliche Marschiren. „Wem Gottwill rechte Gunst erweisen, dcn schickt er in die weite Welt." — Der Schwächling, derim Freien sich bewegt wird älter als der Kraftmensch in der Gefangenschaft und wärediese sogar fürstlich. Thatsache ist, daß Landpostboten und Briefträger viel länger ge-sund bleiben und viel später Pension brauchen wie die im Büreau arbeitenden höherenPostbeamten.
Abgesehen von den militärischen, politischen und ökonomischen Vortheilen, welchees hat, über ein paar geübte Beine zu verfügen, ist richtige Gymnastik die körperlicheErgänzung zu jedem einzelnen Berufe, gleichsam die Versöhnung zwischen Leibund Seele, die fröhliche Erzieherin zur sittlichen Freiheit, zum raschen festenWilleusimpulse, der uns über dcn Büchern und dem Papiere, — uns Kriechern aufder Brust so oft verloren geht. Tausend schiefe Gedanken und krumme Gefühle ver-schwinden, wenn die Nerven eine reelle Aufgabe in der Bewegungsmaschine übernehmenund die giftigen Auswurfsstoffe des Körpers an die freie Luft hinausgearbeitet werden.Ja! Die Gymnastik ist auch ein gutes Vorbcngungsmittel gegen seelische Krankheitenund Gebrechen, Laster und Verbrechen. In dieser Beziehung sagt Martin Luther so schön: „Es ist von den Alten sehr wohl bedacht und geordnet, daß sich die Leuteüben und was Ehrliches und Nützliches vorhaben. Die Bewegungen, Nittcrspicle,- dasFechten, Ringen, Laufen u. s. w., dazu noch die Musika vertreiben die Sorge des Herzensund melancholische Gedanken und des Teufels Anfechtung, machen die Leute gelinder undsanftmüthigcr, sittsamer und vernünftiger, zu Allein geschickt und allcwcil fröhlich. Aberauch feine Gliedmasscn erzeugt das Körperspicl und erhält gesund im Springen undLaufen rc. Die endliche Ursache ist auch, daß man bei solcher Leibesübung nicht aufSchwelgen, Unzucht, Spielen, Saufen und anderen Unfug gerathet!" So der ehemaligeAugustinermönch von Wittenberg .
Hier gilt auch des Dichters Satz: „Von der Stirne heiß, — rinnen muß derScbweiß, — soll das Werk den Meister loben!" — Die Gymnastik oder das Turnenbeschleunigt den Stoffwechsel nach allen Seiten und setzt durch Ableitung nach Außen deninneren Gehirnreiz herab, klärt so den Verstand, beruhigt das Gemüth und befördertoft den gesunden Schlaf. Besonders wird der Schweiß der Arbeit — und Körper-arbeit ist ja auch Gymnastik — zum wirklichen Bade der Wiedergeburt undErneuerung des Menschen, aus welchem auch Jeder sittlich besser emporsteigt. Ein Menschohne Körperbewegung ist ein Leib ohne Arm und Beine, ein Held vielleicht, aber stellen-weise verwundet und verstümmelt. Alan kann besonders in unserer Zeit der Bequem-lichkeit Männer nicht genug unterstützen, welche die Gymnastik oder Turnerci Pflegen und*o die Unbill des Culturlebcus und der Stubcnarbeit kühnen.