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„Doch der Segen kommt von Oben" d. h. der Kopf muß dabei sein, denn manleistet weder den Turnern, noch der übrigen Menschheit einen Dienst, wenn man allesüber einen Leisten schlägt, Jeglichem jede Turnübung zumuthct, den Lungen- und Herz-kranken mit Dauerlänfen zu Tode hetzt, bei Vielen den Geschmack für einfache, gesundeUebungen vernachlässigt und dafür das Wohlgefallen an Schaustücken großzieht, die vonjeher weder sehr dauerhafte noch sehr große Männer gebildet haben.
Mein berühmter Lehrer Op pölzer in Wien machte uns oft aufmerksam, daßLeute mit beginnenden Herz- und Lungenleideu durch Turnerei wesentlich beschädigt undoft unheilbar werden. — Wie es aber eine Gymnastik unserer Glieder gibt, so gibt esauch eine Gymnastik der Lungen. Singen und Trompetenblasen sind solche gym-nastische Büttel für Erweiterung unserer Brust.
Auch bei der musischen Bildung der Griechen spielte neben der Gymnastik dieMusik bei dem Turnspiel eine bedeutende Rolle. Wo des Jünglings Kraft und deSLiedes Freude erglühte im V o l k s g e s a n g e, da konnte sich auch die Seelefrei entfalten.
Der Gesang hat schon Millionen Menschen erfreut und den Sänger selbst ge-kräftigt. Aber gesund müssen die Organe sein, sonst ist eine allzu energische Gymnastikder Lungen vom Uebel. Gar mancher Jüngling ging schon an mißverstandener Lungen-gymnastik mittelst Blasinstrumente zu Grunde. — Für Lnngenschwache bleibt immer nochdas unschädlichste Blasiustrumeut die — Violine oder das Clavier.
Die deutsche Tnrnknnst unserer Tage ist sich ihrer Ziele bewußt, sie ist einfacher,planmäßiger, dadurch schöner und was die Hauptsache ist, viel zugänglicher geworden.Gebe Gott ! daß es ihr gelinge, aus schulpflichtigen und aus alten ausgekehrten undungelehrten Maschilienrädcrn wieder ganze Menschen zu erziehen mit Augen znmSehen, Köpfen zum Denken und Gliedern für den eigenen Gebrauch. Die Gymnastikist unstreitig ein Mittel zur Lebcnsverlängerung, weil sie ja gesund erhält.
Scrofulose, Hypochondrie und Hysterie, Fcttleibtgkc-it und begin-nende Muskclschwäche finden in den Turnübungen bessere Heilmittel als in den„lateinischen .Küchen", wie Paracelsus die Apotheken nennt. Unzuträglich aber ist dieGymnastik für Kinder unter 6 Jahren und Greise über 60 Jahren. In Land- undDorfschulen sollten Hirtenknaben und Kinder, welche Stunden weit nach Hanse zu gehenhaben oder neben magerer Kost und schlechter Ernährung daheim noch mit Feldarbeitgeplagt sind, nicht noch mit dem Turnen belästiget werden. Sie turnen ohnedies genug.
Durch das richtige Turnen wird aber auch eine heilsame Abhärtung erzielt, sodaß gar viele Katarrhe, Nheumen verhindert und Rüstigkeit und Jngcndkcaft bis in'sspäte Alter bewahrt bleiben. Einfache und lebensfrische Gymnastik liegt aber in garvielen, wahrhaft guten Kinderspielen, so im Ball-, Lauf-, Hupf-, Ring-, Fang-,Reigenspiel. Das Spiel ist aber -die Welt des Kindes. Und im naturgemäßenSpiele liegt ebensoviel Gesundheit wie Freude.
Die wahre Turnerci ist also nicht nur eine Arbeit für die Glieder und Muskeln,sondern auch Kopf und Geist sollen dabei nicht leer ausgehen. Zu der körperlichen Frischekommt dann auch die Heiterkeit des Gemüthes, das Fröhlichsein, — zurFröhlichkeit des Herzens und zur gesunden Frische des Körpers gesellt sich dannein gegen den Schöpfer dankbares Frommscin. — Echte Frische, Fröhlichkeitund Frommheit macht sich aber immer frei in allen Gefahren und Nöthen und er-ringt die goldene, wahre Freiheit durch Sclbsterkenntniß, Selbstbeherrschung und Selbst-kraft. „Selbst ist der Mann!" — Darum sei es gesegnet das vierfache I', woes mit Muth, Kraft und Verstand das Schiboleth der Thatkraft bildet. — Offenbleibe aber stets der deutschen kernigen Jugend der Weg und die Gelegenheit zurwahren und rechten Gymnastik d. h. zur Mark und Herz stärkenden Turnerei. Fortmit dem dagegen zeternden Philisterthum! —