Ausgabe 
(8.12.1883) 98
 
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Scenerie zu heben, gepflanzt. So gleicht der Niagara einem Prachtjuwcl, das in Eisengefaßt ist; das Juwel ist leuchtend und prachtvoll, aber die Fassung hat nichts Reizvolles.

Der Eindruck der Besucher des Niagara ist von verschiedener Art; der Einewundert sich über die imposante Wasserinasse, der Andere über seine grünlich silberartigeFärbung, ein Dritter exstasirt sich über den Nebel, oder vielmehr über den Wasserstaub,der das Ganze umgibt, ein Vierter verstopft sich die Ohren, um den tobenden Lärm desKatarakts nicht zu hören. Die Thatsache ist, daß Alle gegenüber einem solchen, voll-ständig unerwarteten Anblick erstarrt sind. Man kann stundenlang dort verweilen, an-genommen, daß die Vermicthcr der Plätze, die Photographen und die Spcculanten esgestatten, selbst wenn man den Platz sehr theuer bezahlt; indeß ist es schwer, sich selbsteine vollständige Rechenschaft über die Aufregung, die man empfindet, abzulegen. Auchwenn man Alles auf's Genaueste in Augenschein genommen und untersucht hat, was amNiagara zu sehen ist, hat man doch keine Vorstellung von dieser wunderbaren Natur.Das gewagteste und kühnste Unternehmen des Touristen ist das Hinabsteigen auf derTreppe von Bamcll, um unter die Tafclplatte des Felsens zu kommen und sich bis unterdas Hufeisen, soweit als es gestattet ist, zu wagen. Um diese Promenade zu unter-nehmen, verleiht man an die Reisenden Kantschukmäntcl, oder geölte Leiuwandröcke, undfügt diesen Kostümen eine Art eiserner Pantoffel hinzu, die so gearbeitet sind, daß manauf dem Felsen, oder dem Eise nicht ausgleiteu kaun; alsdann kann man, in Begleitungvon Führern, sich bis unter den Fall hinabwagen. Kaum hat mau den Punkt erreicht,o rieselt das Wasser von allen Seiten, mau fühlt sich vollständig wie unter einer Douche.Das Costüm, obwohl man es sozusagenundurchdringlich" nennt, schützt durchaus nicht.Zu dieser naßkalten Empfindung tritt noch eine Art mhsteriöser Nebel hinzu, der denBesucher umfängt, und fernerhin die völlige Betäubung seines Gehörs durch das Brausender Katarakte. In dem Maße, als mau nun unter dem kalksteinartigen Gewölbe, überdas- sich die Fluthen des Niagara stürzen, vorkragt, begreift und erfaßt man die Er-habenheit dieses Anblicks. Sehr bald aber muß man sich, schon auf der Hälfte desWeges, zurückziehen; denn die Gewalt des Windes ist so groß, daß man unfehlbar vonihm mit fortgerissen würde; man sagt, daß man hier oft die Empfindung hat, als er-hielte man einen Fanstschlag, der einen schwanken macht. Das Alles verhindert abernicht, daß man doch immer noch vorwärts dringt denn um des armseligen Ruhmeswillen setzt Mancher sein Leben daran, nur später von seinen halsbrecherischen Erlebnissenzu erzählen. Kehrt man zurück zum Hufeisen, so kann man die Art des Felsens unter-suchen, der aus weißem Schwefel und Kalkstein gemischt ist. Gleichzeitig findet maninmitten dieser chaotischen Schmelzung weiße Quarzmasscu, die wie Zucker aussehen, undSclenit, oder krystallisirten Gips, welcher dem Asbest sehr ähnlich sieht, nur viel grauerist. Einzelne Farrcnkräuter wachsen zwischen den Spalten des Felsens; der Touristpflückt hier und da auch einige Stengclchcu Kresse; es würde aber einige Monate dauern,ehe er eine ausreichende Quantität gefunden, um ein Salatgericht daraus zu bereiten.Das Moos bedeckt alle Wände des Felsens; es ist so fein und so zart, daß die Damensich für diesen, von der Natur so sorgfältig gewebten Sammet ganz besonders intercssircn.Kaum ist man aus dem Abgrund, in welchem man sein Leben riskirt hat, heraus-getreten und die Treppe emporgestiegen, sich dadurch bedeutend ruhiger fühlend, so lenktsich der Blick noch einmal nach dem berauschenden Katarakte zurück; aber die zwingendeNothwendigkeit, so schnell als möglich die Kleider zu wechseln, aus Furcht vor einemschlimmen Katarrh, überwiegt die Neugierde; man eilt vorwärts.

Bei dem Heraustreten aus der Hütte, ftvo die Metamorphose der Herren undDamen stattgefunden, ist man von zahlreichen Handelsleuten umringt, welche ihre ge-schmacklosen indischen Raritäten zum Kauf anbieten: Mocassins, Arbeitstaschen nnd andereDinge, die mit Glasperlen verziert sind; gewöhnlich werden diese wenig reizvollen Gegen-stände verschmäht, die nicht einmal den Vorzug haben, von echten Rothhäuten fabricirt