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^Ängsliiirger Postzeilmig."
Nr. 100.
Samstag, 15. December
1883.
Der Gpalririg.
Roman aus dem Englischen von E. C.
(Fortsetzung.)
Fünfunddreitz igstes Eapiret.
Bertha raffte all' ihren Muth zusammen, um der armen Mutter die schrecklicheNachricht mitzutheilen. Sie war daher nicht wenig erstaunt, Mrs. Dalton ganz ver-gnügt anzmreffen, obgleich sie bereits von Allem in Kenntniß gesetzt war.
Die Zeit, welche ihr nach dem Besuche Sir Stephan's bis zur Zurückkauft ihrerTöchter blieb, hatte sie zu reiflichem Nachdenken benutzt und sich die ganze Angelegenheitgemüthlich nach ihrem Geschmacke zurccht gelegt. „Die Hochzeit brauchte nur einigeWochen hinausgeschoben zu werden", meinte sie. „Es ist wirklich eine Fügung der Vor-sehung, das; Alles so gekommen. Bei dem ersten Mr. Faucourt wäre Lena als ver-nünftiges Mädchen genöthigt gewesen, die Mängel ihres Gatten zu übersehen, aber jetztist an dem Manne selbst ebenso wenig auszusetzen wie an seiner Stellung und beidesvereinigt ist natürlich vorzuziehen."
Und dann besann sie sich auf die Entschnldignngsgrnnde, w^he sie ihren Bekanntenüber die Verzögerung der Hochzeit und den Wechsel des Bräutigams anführen könne.Freilich war es ein wenig beschämend, eingcstehcn zu müssen, daß der frühere Schwieger-sohn, mit dem sie so paradirt, ein Betrüger sei, aber ihren intimsten Freunden konntesie ja anvertrauen, wie sie im letzten Momente entdeckt, daß ihre theure Lena St. Law-rence liebe — dadurch wäre ja Alles entschuldigt. Schade, daß sie es nicht schon er-fahren, ehe sie das Frühstück bestellt und nun fing sie an auszurechnen, wie lange sichwohl der Hochzeitsknchcn aufheben lasse und ob er nicht schließlich doch noch demselbenZwecke dienen könne.
Von diesen Entschließungen sagte sie jedoch Bertha nichts, da es fraglich erschien,wie die sie aufnehmen werde. „Bertha hat so sonderbare Ideen", sagte sie bei sich unddeshalb gab sie ihrer Tochter nur durch Andeutungen zu verstehen, daß sie eine wunder-bare Entdeckung gemacht und Alles in Nichtigkeit sei.
„Du wirst nie errathen, wer der richtige Erbe ist; ich will rasch hinaufgehen undes Lena sagen. Wie glücklich wird sie darüber sein!"
Sie eilte aus dem Zimmer, ohne Bertha's Warnung zu beachten, daß Lena sehrangegriffen sei.
„Ich weiß schon, mein Kind", erwiderte sie vergnügt nickend, „das wird schonbald vorübergehen."
Und fort war sie. Bertha, welche nicht im mindesten verstand, worauf ihre Mutteranspielte, blieb bestürzt allein. Nach nicht allzu langer Zeit kam Mrs. Dalton fassungslosund ganz verwirrt die Treppe herunter und rief: