„Was fehlt nur der Lena? Ich glaubte, meine Neuigkeit werde sie vollständigwiederherstellen nud glücklich machen; anstatt dessen sitzt sie wie eine Statue vor demFeuer und sagt kein Wort. Ich weis; nicht einmal, ob sie mich wirklich verstanden hat.Willst Du nicht zu ihr hingehen, Bertha; vielleicht spricht sie mit Dir."
Bertha stürzte hinauf und fand ihre Schwester, einem Marmorbilde ähnlich, amKamin sitzen. Sie kniete vor ihr nieder und ihr in's Gesicht blickend, gewahrte sie denAusdruck solch' grenzenloser Verzweiflung, daß sie entsetzt zurückfuhr. Sie ergriff diekalte Hand der Schwester und sagte: „Meine liebe Lena, ich weiß, wie hart der Schlagist, der Dich getroffen, aber ich bitte Dich, suche Dich zu beruhigen, der Mensch ist nichtwerth, daß Du Dich so härmst."
Noch immer sprach Lena nicht; Bertha's Liebkosungen und Bitten waren vergeblich,sie erhielt keine Antwort.
Die alte Martha erschien mit einer Tasse Thee und einem Kuchen, den sie eigensfür ihre jungen Damen gebacken. Da sie kein Mittagessen gehabt, gab sich Bertha alleerdenkliche Mühe, Lena zu bereden, etwas zu sich zu nehmen. — Diese schüttelte denKopf, sie konnte nicht schlucken. Nur eine Tasse Thee trank sie und ließ sich dann vonihrer Schwester und Martha zu Bette bringen. Tiefsenfzend legte sie ihren Kopf auf'sKissen und wandte das Gesicht der Wand zu.
Bertha setzte sich an den Kamin; sie wollte Lena nicht allein lassen, ogleich nochVieles zu besorgen war. Die geladenen Gäste mußten znrückbestellt und die Vorbereit-ungen Zur Hochzeit gänzlich beseitigt werden, damit morgen nichts mehr dem Auge derSchwester begegne.
Ungefähr eine Stunde saß sie dort, als sie das Herannahen eines Besuchers zuvernehmen glaubte. Ihre Gedanken hatten sich natürlich mit St. Lawrence beschäftigt,sie sehnte sich nach ihm, sie verlangte darnach, ihm Alles anzuvertrauen, sie bedurfteseines Rathes, seiner kräftigen Stütze. Die feste Zuversicht tröstete sie, daß ihre Mutterjetzt St. Lawrence, den sie ja immer gern gehabt, willig aufnehmen werde, da der an-gebliche Mr. Fanconrt entlarvt war.
Sie wird nichts mehr von dem glauben, was dieser Schurke gegen ihn geäußerthat, und später können wir noch alle miteinander glücklich werden, wenn die arme Lenaden ersten Schrecken überwunden und eingesehen hat, welchem Unglück sie entronnen. AufReichthum braucht wohl keiner von uns zu rechnen, aber was liegt daran?"
Diese Träumereien wurden durch Martha unterbrochen, welche ihr mit geheimniß-voller Miene zuflüsterte:
„In dem Eßzimmer ist Jemand, der Sie zu sprechen wünscht, liebe Miß Bertha.Bitte, gehen Sie, ich bleibe so lang bei Miß Lena."
Bertha eilte mit klopfendem Herzen die Stiegen hinunter. Um das Eßzimmer zuerreichen, mußte sie dnrch's Frühstückzimmcr gehen — dort blieb sie stehen, sie wardverlegen und schämte sich, St. Lawrence ihre Freude über sein Erscheinen zu zeigen.Hatte sie ihn doch seit dem Tage, wo sie ihm ihre Treue gelobt, nicht mehr wiedergesehen. Sie zögerte noch einige Augenblicke, um ihr stürmisches Herz znr Ruhe zubringen. Aber das Ohr eines liebenden ist scharf. St. Lawrence hatte ihren leichtenSchritt, vielleicht sogar den leisen Seufzer vernommen und ehe sie selbst recht wußte,wie es geschehen, fand sie sich in seinen Armen wieder.
„Mein liebes, süßes Herzt" sagte er zärtlich. „Ist es nicht traurig, daß ich Dichnicht auffordern darf, Theil an meinem Glücke zu nehmen, tvcil ich weiß, welcher ArtDeine Gefühle in Betreff der armen Lena sind?"
„So hast Du schon gehört, was sich ereignet hat?" frug Bertha sich sanft vonihm losmachend.
^Gehört?" lautete seine erstaunte Frage.
„Ja, ich meine, ob Du schon weißt, daß der Mensch, welcher sich Fanconrt