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nannte, ein Schwindler oder noch etwas Schlimmeres ist. Sir Stephan Langlcy warhier und theilte es der Mama mit."
„Ist das Alles, Bertha? Sagte Sir Stephan nichts weiter?" frug er lächelndin ihr besorgtes Antlitz blickend.
„Noch mehr?" rief sie erschreckt aus. „Gibt es noch mehr zu hören?"
„Schaue mich an, Gcliebtestc! Schau mich an! Sehe ich wohl aus, als ob das„Mehr" so sehr schrecklich und erregend sei." Bei diesen Worten zog er sie von Neuemin seine Arme. Bertha erhob die Augen zum Gesichte ihres Bräutigams. LebhaftesNoth verbreitete sich über ihre Wangen, indem sie eifrigst sagte:
„Es ist etwas, was Dich persönlich betrifft. Das Geheimniß, wovon Du mirsagtest, ist es zu Ende?"
„Ja, mein holdes Lieb, für immer und ewig zu Ende. Erzählte Sir StephanDeiner Mutter nicht, daß Lord Alphington den wirklichen Erben aufgefunden habe?"
„Ich weiß es nicht, Mama sagte mir nichts davon; wahrscheinlich hat sie es nichtverstanden."
„Und doch ist es nicht schwer zu begreifen. Eustace Sedley ist mein Vetter. DenZufall, daß er meinen Namen trägt, in gleichem Alter mit mir ist, und' meine Ver-gangenheit kennt, benutzte er dazu, sich unrechtmäßiger Weise meine Rechte anzueignen.Dein alter Bekannter aus dem Omnibusse stahl mir aus seine Veranlassung die Beweisemeiner Geburt, welche ich mit nach England gebracht hatte. Und nun ist es EustaceFanconrt, der Dich bittet, das Versprechen zu erneuern, welches Du Eustace St. Law-rence gegeben hast; er ist zu Dir gekommen, um den Schwur de^Treue zu wiederholen,den Du von dein armen Landschaftsmaler in Empfang genommen."
Bertha schaute ihren Verlobten groß an und erbleichte. Er führte sie zu einemStuhle, kniete vor ihr nieder und ergriff ihre beiden Hände:
„Meine theuerste Bertha, was ist Dir? Was befürchtest Du?"
Aber statt aller Antwort lehnte sie den Kopf an seine Schulter und brach inThränen aus.
Die vielen und heftigen Gemüthsbewegungen der letzten vierundzwanzig Stunden,waren zu viel für sie gewesen und nun verließ sie die Kraft, bei diesem plötzlichen un-erwarteten Glück. Ihres Geliebten wegen freute sie sich, dem Einflüsse, den diese Ver-änderung auf sie ausüben werde, schenkte sie keinen Gedanken.
St. Lawrence suchte sie mit den zärtlichsten Worten zu beruhigen und stellte ihrvor, wie freudig Lord Alphington sie in seinen: Hause willkommen heiße. Dann malteer ihr aus, wie sie beide vereint Alles aufbieten wollten, ihm sein Alter zu versüßen,bis Bertha aufblickte und ihn durch die Thränen anlächelte. Allmählich tauchte eine Er-innerung nach der anderen in ihrem Geiste auf. Purpurröthe stieg bis zu ihrer Stirnhinauf und ihr Antlitz an seine Brust verbergend, rief sie aus:
„Und ich erzählte Dir die Prophczeihnng über den Ring! Aber ich ahnte dieswirklich nicht!"
„Nein, das thatest Du nicht; aber ich wußte es", erwiderte er lächelnd. „Damalshatte ich freilich nicht die leiseste Hoffnung, daß sie je in Erfüllung gehen werde, dennich wähnte, Du würdest Douglas glücklich machen und nicht mich."
Sie waren so sehr mit sich beschäftigt, daß sie die sich nahenden Fußtritte über-hörten, und ehe Bertha antworten konnte, wurde die Thüre geöffnet und Mrs. Daltonerschien in derselben. Ein Ausruf der Bestürzung entfuhr ihr, als sie St. LawrenceHand in Hand mit Bertha da sitzen sah,
Ersterer erhob sich und ging ihr entgegen, da sie wie versteinert stehen blieb.
„Darf ich hoffen, daß das strenge Verbot aufgehoben ist, Dirs. Dalton? WollenSie mir zur Versöhnung die Hand reichen und eine Bitte, die ich an Sie richten werde,günstig aufnehmen?"