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Vor seiner Abreise besuchen. Ich soll ihn nach Alphington Park begleiten, hoffe jedoch,daß unser Aufenthalt in London noch um einige Tage verlängert wird."
Er reichte Mrs. Dalton die Hand und da Bertha nicht mehr erschien, empfahler sich mit dein Bemerken, daß er Morgen früh wieder vorsprechen werde.
(Schluß folgt.)
Der deutsche Wandertrieb.
An der Hand der Geschichte und ihrer geistigen Erzeugnisse läßt sich der Nach-weis führen, daß fast alle Nationen eine Wanderperiode hinter sich haben, bevor siesich auf der Scholle niederlassen, auf welcher sie ihrer geschichtlichen Entwickelung ent-gegengereift. So hat die griechische Geschichte ihre dorische Wanderung, so beginnt dierömische Geschichte mit den Irrfahrten des Acueas, dem Gegenstück der Abenteuer desOdhsscus; so stehen an der Schwelle der Geschichte des heiligen Volkes die vierzig Jahreder Wanderung in der Wüste und selbst in den Geschichten der ostasiatischcn Völkerkommen in den Jngcndepochcn Jahre der Wanderung, wie bei den einzelnen Menschen,beispielsweise Arndt, Iahn, Senme Stein, Herder n> A. —; aber ein derartiges Jahr-hunderte langes Wandern, wie bei den germanischen Völkcrstämmcn, so daß die halbeWelt dadurch erschüttert wird, treffen wir nirgends mehr an. Es hängt dies zu-sammen mit dem innerlichen Wanderzngc, der das tiefiuuerste Wesen unseres Volkes aus-macht. Er wird bei Vielen zur Flucht in die Stille und aus der Dampswolken-Atmo-sphäre heraus, um reine Lnfr zu athmen und an dem grünen Kleide der Natur das Augebei ungetrübterem Sonnenlichte zu weiden. Er regt sich bei den fröhlichen Tnrnfahrtcnder Jugend; er regt sich bei dem poetischen Zngastcgehen des Studenten von Familiezu Familie, von Onkel zu Onkel; er thut sich kund in den frohen Liedern des Wander-burschen mit dem Stäbe in der Hand und in dem Jubel der heimziehenden Scholaren,wenn die großen Ferien beginnen. Das innerlich Treibende bei all' diesen Erscheinungenist, wenn auch oft unbewußt, die deutsche Wanderlust und die Romantik deutscher Natur-liebe. Wer hat sich nicht gefreut an der Verherrlichung dieser großartigen Wanderzügcin der Frilhjofssage, die der Schwede Tcgner so wunderschön poetisch bearbeitet undder deutsche Mohnickc so schön in unsere Muttersprache übertragen hat! Das Meer istdes Witingcr's wahre, dauernde Hcimath, das Meerschiff sein fortbranscnder Drache. Esschwimmt in angeborener germanischer Wanderlust des Wikinger auf dem blauen, schäu-menden Meere hahiu, von Küste zu Küste. Immer muß es von ihm heißen:
„Hin zu den blauen Meercswogcn, aia, auf, mein Drache gut!
Bade Dir die Brust, die schwarze, wieder in der salz'gen Flulh!
Schwing' die Flügel in den Wolken, zischend reiß die Wellen auf!
Flieg', so weit die Dlerne leiten, als Dich trägt der Wogen Lauf!
Laß' mich hören Sturmesbransen, Donncrschall sei meine Lust;
Wenn Getöse mich umlärmet, bann ist's still in meiner Brust!"
Diese Wanderlust ist auch zum Theile mit der Schlüssel, welcher uns so mancheder seltsamen und folgenreichen Ereignisse und Institutionen des mittelalterlichen Lebenserschließt. Die immer neuen Nömerznge der deutschen Kaiser in's Land, wo die Citronenblühen; die Wanderfahrten der Hansa bis zu Tieflands fernen Küsten; die wunderbaren,Jahrhunderte lang andauernden Pilgcrzüge der Kreuzfahrer in das heilige Land mitseinen denkwürdigen Stätten, und als Kehrseite dieser großartigen Gcrmanenzüge alledie „fahrenden" Leute des Mittelaltcrs: fahrende Ritter, fahrende Mönche, fahrendeSänger, Schüler, Gauner, die das Land vagabundirend durchschwärmten, bis herab zumTill Enlcnspiegcl und all' den Handwerksbnrscheu, die ordnungsmäßig nach den Regelnder Zunft eine Zeit laug wandern mußten: es hat das im tiefsten Grunde alles seineEntstehung und findet seine Erklärung in dem Wandertriebe des deutschen Geistes, der