Ausgabe 
(19.12.1883) 101
 
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weitläufiges Gespräch über die Aussichten Bertha's eingelassen haben, hätte diese sie nichtder Schwester wegen unterbrochen.

Lena war wirklich krank. Am folgenden Morgen mußte der Arzt gerufen werden.Man befürchtete eine Gehirnentzündung und die äußerste Ruhe wurde angeordnet. An-statt der Hochzcitsfestlichkeiten sah man ein stilles Haus und ernstlich besorgte Gesichter.

Lord Alphington, Sir Stephan und Lady Langtet) schoben ihre Abreise auf, bisLena außer Gefahr war. Jedwede Aufmerksamkeit, welche Theilnahme und Freund-schaft nur ersinnen konnte, wurde der unglücklichen Patientin zu Theil. Krank zu werdenwar das Vernünftigste, was Lena thun konnte; denn dadurch wurde alles Mißfallenin Bedauern umgewandelt.

Bertha wachte beständig an dem Bette der Schwester. Die täglichen Besuche desGeliebten waren ihr einziger Trost. Vor der Genesung Lena's wollte sie kein Wortüber die Hochzeit hören und Eustace achtete ihr Zartgefühl und drang nicht weiter in sie.

Während des folgenden Monates fand die gerichtliche Untersuchung gegen Sedlcyund die beiden Lemont's statt denn Mrs. Leinont starb nicht, blieb aber für immerkränklich. Es war eine unangenehme Zeit für Alle.

Eustace konnte die Verwandtschaft nicht vergessen und besuchte seinen Vetter mehrereMale im Gefängnisse. Lord Alphington berührte es peinlich, seinen Namen mit dieserAngelegenheit in Verbindung gebracht zu sehen; allein der Gerechtigkeit mußte freierLauf gelassen werden. Sedley wurde zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe verurthcilt;er vernahm diesen Spruch mit derselben finstern Miene, welche er seit seiner Verhaftungbeständig zeigte.

Mrs. Sedley, die auf Veranlassung ihres Mannes gehandelt, ward freigesprochenund Mr. Pierre Lemont erhielt sieben Jahre Zuchthaus. Er flehte laut um Gnade;wie es schien, hatte er geglaubt, durch ein offenes Geständnis; der Strafe entgehen zukönnen. Er habe den Opalring nur deshalb, aus der Schatulle genommen, um einMittel ii; Händen zu haben, wodurch er Sedlcy zwingen könne, ihm die versprocheneJahresrente auszuzahlen. Er würde noch Manches aus dessen früherem Leben an'sLicht gezogen haben, wenn der Gerichtshof dieses geduldet hätte. Sein hartes Schicksallaut beweinend, wurde er hinweggeführt, nachdem er zuvor seiner Schwester versichert,daß er sich ihrer nach Ablauf der sieben Jahre erinnern werde. Als Mrs. Sedley ausder Haft entlassen war, suchte St. Lawrence sie auf, um ihr seine Hülfe anzubieten.Sie hatte viel gesündigt, aber auch schwer gebüßt und die Leiden schienen sie auf einenbesseren Weg geführt zu haben. Sie drückte den Wunsch aus, in ihr Vaterland zurück-zukehren, um dort ein zurückgezogenes Leben zu führen. Damit ihr dieses möglich sei,setzte St. Lawrence mit Genehmigung Lord Alphington's eine kleine jährliche Rente fürsie fest und schon bald nach der Gerichtsverhandlung reiste sie ab.

Lena Daltou erholte sich langsam, aber ihre Schönheit war dahin. Sie hatteihre frischen Farben verloren und dunkle Linien zogen sich unter den Augen hin. Daskurz abgeschnittene Haar kleidete ihr schlecht und es war sehr zweifelhaft, ob sie je wiederim Stande sein werde, sich mit einer Krone goldener Flechten zu schmücken. Bleich undmuthlos schlich sie umher, ein Schatten ihres fcühreren Ichs. Der Arzt rieth Luft-veränderung und für den Winter ein südlicheres Klima an. Mrs. Daltou war herzlichfroh, den vielen Fragen und Beileidsbezeugungen ihrer sogenanntenFreunde" entrinnenzu können. Deshalb wurde bestimmt, Joy Cottage zu schließen und nebst der altenMartha nach Italien überzusiedeln. Bertha bot sich au, sie zu begleiten, denn sie sahzoraus, daß Lena sich, allein mit der Mutter, unmöglich kräftigen und beruhigen werde,da diese sie fortwährend mit ihren Klagen, um nicht Vorwürfen zu sagen, plagte. Abernicht allein Eustace, sondern auch Lord Alphington und die Langley's legten entschiedenenProtest dagegen ein, so daß Bertha genöthigt war, nachzugeben.

Zufällig suchte die Tochter eines benachbarten Geistlichen eine Stelle als Gesell-