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Dingen nicht auf den Grund geht, wird in seiner Urtheilslosigkcit Gast- und Kaffeehausin einen Topf werfen mid letzteres hinwieder, ob es nun in Wien oder in Potsdam liegt, für ein und dieselbe Sache erklären. Leute, die so wenig Einsicht zeigen, ver-dienen gar nicht, das; man sich mit ihnen in eine Discnssion einläßt. Ja freilich —ein Local, in dem man Bockbier, eines, in dem man Rheinwein, und eines, in dem manschwarzen Kaffee einschänkt, ist dasselbe — der Unternehmer will seine Waare verkaufen,seine Kunden finden sich ein, das ist immer das Gleiche! Wer solche Schlußfolgerungenzieht, ist ein Barbar, den ich bitte, diese Zeilen nicht zu lesen. Ihn zu bekehren, wäreein wenig schwer. Machen Sie einem taub Geborenen die Gewalt einer Bcethov'schenSonate begreiflich! Zeigen Sie einem Blinden eine Rafael'sche Madonna!
Also wer selbst die eingehendste Monographie des Wiener Kaffeehauses schriebe,der durfte sich, wenn er nicht ein mehrbändiges Werk pnbliciren wollte, gar nicht dar-auf einlassen, die inneren Unterschiede zwischen dem Kaffeehause und allen anderen Ver-kaufsstellen von Speisen und Getränken zu erörtern. Jn's Gasthaus geht man, um zuessen oder zu trinken, in's Kaffeehaus dagegen — ja, du lieber Himmel, wie soll Einerauf eng zugemessenem Raume sagen, wozu man in's Kaffeehaus geht? Wozu man nichthingeht, ist leichter zu erklären: um Kaffee zu trinken, um Hunger oder Durst zu löschen,Wie sehr ich mit dieser Behauptung Recht habe, geht schon daraus hervor, daß in ein-zelnen Wiener Kaffeehäusern fast gar nichts „genommen" wird. Es gibt mindestensein Dutzend, in denen man die Gäste selten etwas verzehren sieht: dabei halten dieLeute sich halbe Tage lang daselbst auf, thun, als ob sie zu Hause wären, und mitbesonderer Verehrung werden die Stammgäste behandelt, die sich nur zum Mittagessenentfernen, denen es aber nicht im Traum einfällt, eine Zeche zu machen. Nun sollteman glauben, daß die Eigenthümer solcher Localc endlich der öffentlichen Wohlthätigkeitzur Last fallen müssen; in Wirklichkeit werden sie in der Regel sehr reich und ziehen sichnoch bei voller Rüstigkeit in ein wohlbestalltes Privatleben zurück. Das ist eines derRäthsel des Wicnerthums. . . . Also, der Kaffee lockt wahrlich nicht in's Kaffeehaus.
Man könnte ihn zu Hause, im Kreise der Familie oder im Restaurant trinken. Aber
nein, zu Hanse behagt dem richtigen Wiener der leibhaftige Mokka nicht. Auch in denConditorcicn bekommt mau Kaffee — es soll einmal Jemand ernstlich einem Wiener den Antrag stellen, seine „Melange" beim Zuckerbäcker zu trinken, er würde sich diegrößten Unannehmlichkeiten zuziehen! Nebenbei bemerkt, ist das, was in einzelnen Kaffee-häusern als Mokka verabreicht wird, ein Höllcngebräu, aber das thut nichts; der ge-wohnte Gast kommt doch täglich um dieselbe Stunde, setzt sich auf denselben Stuhl,raisonnirt über den Inhalt seiner Tasse oder seines Glases, und wenn er im Sommerin die Berge geht, denkt er manchmal mit tiefen Seufzern an die geliebte Stätte, wo
der Tabakqualm emporsieht zur Decke und man Stunden lang warten muß, bis die
Zeitung, die man verlangt hat, „frei" ist. . . . In München geht eine Sage um, daßmanche Säuglinge nicht bei Milch, sondern bei „Hosbräu" aufgezogen werden. In Wien sollen Kinder bald nach der Geburt in's Kaffeehans gebracht werden, um sich frühzeitigan die Atmosphäre desselben zu gewöhnen. Nur so ist es erklärlich, daß in Wien immerneues Kaffeehans-Pnblicnm in geradezu verblüffender Weise aus der Erde wächst. Indem Momente, als ein Kaffeehaus eröffnet wird. hat es auch schon Besucher; woherdiese kommen, hat noch Niemand ergründet. Es ist eben, wie gesagt, bei dem Wiener Kaffeehanswcsen viel Mystisches in; Spiele. Man bedenke nur, welcher geheimnißvolleZug darin liegt, daß man ein Kaffeehans blos zweimal zu besuchen braucht, um vonden Marqueurs erkannt zu sein. Der Marqueur ist eine ganz andere Menschcngaitungals sein Verwandter, der Gasthaus-Kellner. Dieser sieht Jemanden wochenlang, ohnezu wissen, wer er ist. Aber Du frühstückst Sonntag und Montag in einem Kaffeehause,und am Dienstag ist das Jncognito schon gelüftet, der Zahlmarqucur nennt Dich beimNamen, und zum Beweise, daß er noch mehr über Dich weiß, gibt er Dir den ent-