Ausgabe 
(19.12.1883) 101
 
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sprechenden Titel:Herr von*, wenn Du Kaufmann, Banquier, Borscnbesucher, Schau-spieler, Photograph,Herr Doctor", wenn Du Journalist, Advokat, Arzt, Privat-gelehrter bist. Wenn er sich im Unklaren über Deine Beschäftigung befindet, dann ziehter denHerrn Doctor" vor, namentlich wenn Du Augengläser trägst. Dabei ist zubemerken, daß es specielle Kaffcchaus-Doctoren gibt, welche den Marqueurs imponiren,und von denen man in dem ganzen Local nur im Flüstertöne scheuer Verehrung spricht.Dieser Doctor gehört ebenfalls zu den gchcimnißvollen Seiten des Wiener Kaffeehauses.Man denkt da manchmal geradezu an dievierte Tinicnsion". ... Er schreibt imKaffeehause, empfängt dort Besuche und zeigt den Marqueurs in verschiedenen großenBlättern anonyme Artikel, die er verfaßt hat. Leider zahlt namentlich dieTimes" sounpünktlich, daß er die verschiedenenSchwarzen",Capucincr" undmehr" weiß, dieer tagsüber zu sich nimmt er muß sich für die geistige Arbeit anregen längerePerioden hindurch unbezahlt läßt. In der Regel macht er der Kaffeehaus-Cassiererinachtungsvoll den Hof. Diese, die, Inaus a, non Inaeoäo, ihren Titel führt, weil sienichts eincassirt, ist meistens schwärmerisch angelegt und interessirt sich für denDoctor ",dem man die besondere Begabung schon an den langen Haaren ansieht. Ist die Kas-siererin eines der Elemente, welche die Anziehungskraft des Wiener Kaffeehauses erklären?Vielleicht und vielleicht auch nicht. Die meisten Gäste werfen der Kassiererin wohl einenflüchtigen Gruß oder Blick zu, aber nur vereinzelte Besucher fassen längere Zeit Postovor derCredenz". Man behauptet aber es ist durch nichts erwiesen, daßKaffeehaus-Cassicrerinncn von derCredenz" wegihr Glück" gemacht haben.

Aus meiner Praxis kenne ich eine Mutter, die ein Kaffeehaus führte und ihresechs Töchtern abwcchseud den Casscdicust versehen ließ. Da saßen sie nun, die Früchteeiner liebevollen Ehe und producirten sich in weiblichen Handarbeiten, abwechselnd etwasstrickend, häkelnd und eineMelange", einenKümmel mit Rum" oder Aehnliches ver-buchend. Die jüngste Tochter hatte die Strickwuth; sie strickte unerschütterlich, aber immereinen Strumpf, der zur Farbe ihrer Toilette paßte, im Frühling in der Regel einenblauen es war zu poetisch! Leider blieben sie Alle unvcrheirathet und sind deshalbspäter nach Graz übersiedelt. . . . Also, die Eiumengnng holder Weiblichkeit gibt keinegenügende Motivirnng für die Beliebtheit des Wiener Kaffeehauses. Jst's die trefflicheBedienung? Allerdings darf der Wiener Marqueur als ein Muster gelten; der nord-deutsche ist indolent, er thut gewissenhaft seine Pflicht, aber nicht um ein Jota mehr;der Pariser ist anmaßend, voll frecher Witze, er macht über den Gast, der ihm nichtgefüllt, mit lauter Stimme Bemerkungen. Der Wiener Marqueur tritt zu dem Gastein ein Herzensverhältniß. Er lauscht ihm ab, wie er den Kaffee gern trinkt: mehrschwarz, keineHaut", etwasSchlagobers", in einer Thcctasse. Man sagt ihm das eineinziges Mal, und er behält es im Gedächtniß für die Dauer eines Menschenlebens;man bleibt ein halbes Jahr lang aus, man kommt wieder, und er weiß es noch immer;mehr schwarz, keineHaut", etwasSchlagobers", in einer Theetasse. . . . Man be-stellt eine Zeitung, und er bringt die übrigen, die mit der bestellten irgendwie harmo-niren. Der eine Gast ist konservativ, der andere liberal, der eine lacht gern, der anderewill sich belehren das Alles hat der Marqueur sehr bald weg, und der Demokratdarf darüber beruhigt sein, daß ihm nicht die Lcctüre einer feudalen Zeitung wird zn-gcmuthet werden. Gewisse Plätze werden für gewisse Gäste reservirt, und zwar mitAnwendung aller erdenklichen Kuusttitclchen, um Unberufene von dem Heiligthume fernzu halten. Ein bekannter Cafvtier in der Leopoldstadt ließ es sich, als er schon einsehr reicher Mann war, nicht nehmen, mit seiner Serviette den eintretenden Gästen denStaub von den Schuhen zu wischen. Jeder hat eben seine Passion. . . . Aus einemWiener Gasthanse wird man unter Umständen hinausgeworfen; aus einem Kaffeehausenie. Da herrscht sogar gegen Diejenigen Höflichkeit, die dem Unternehmer nie etwas zuverdienen geben. Stört ein Marqncnr einen der Gratisclientcn in seiner Gemächlichkeit,