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so wird dieser unangenehm; er gibt hier und da seinen Ueberrock oder seinen Regen-schirm in Aufbewahrung, und wehe dem Kaffeehause, wenn irgend ein Verstoß vorkommt.So macht die Bedienung den Kaffeehauszauber aus? Nur zum Theile, denn diese herrschtauch dort, wo — keine Regel ohne Ausnahme — der Dienst Manches zu wünschenübrig läßt. Ein Königreich für einen zureichenden Grund! Wie kommt es, daß manin Wien ein lustiges nächtliches Beisammensein erst dann für etwas Vollkommenes hält,wenn mau zur Krönung des Gebäudes in einem Kaffeehause war? daß sogar dieWienerinnen solche Kaffeehausabschlüsse über Alles lieben? daß man nach Soireen undBällen noch ein Viertelstündchcu im Kaffeehause verbringt? Fragen, Fragen und keineAntwort. Wo ist der Oedipus, um deffen Willen die Kaffeehaussphiux sieb in denAbgrund stürzt?
Leute, die in ihrem bequemen Heim mit aller Behaglichkeit Karten spielen könnten,thun das principiell nur im Kaffeehause. „Der Henker weiß: wärmn?" wie es in„Blaubart" heißt. Dieselben Franc», die ihren Männern sonst nicht die geringste Freiheitgewähren, finden es natürlich, daß Letztere etliche Stunden in einem Kaffeehause ver-bringen. Vor der Allmacht dieses Wortes beugen sie ihr Knie. Der Mann muß thun,was die Frau will, aber der Kaffechausbesuch ist sein geheiligtes Recht. Dagegenkommt nicht einmal weibliche Autorität auf. Man kann auch im Gasthause spielen, aberdas schmeckt lange nicht so gut. Auch herrscht im Gasthause nicht so bedingungslos wiein dem Kaffeehause der Gebrauch, in Hemdsärmelu zu tarockeu. Was aber ein „Jud",in Hemdsärmelu gemacht, au intimem Reiz in sich hat — das läßt sich ahnen, fühlen,jedoch nimmermehr beschreiben. Sogar das „Kibitzen" ist nur in: Kaffeehause angenehm.Im Cafö W. sah ich Jahre lang einen beliebten Sänger mit seinen ständigen PartnernPiguet spielen. Auch ein ständiger „Kibitz " war da. In der Regel — wir Allewissen ein Lied davon zu singen — ist der „Kibitz " eines der schrecklichsten Geschöpfeauf Erden. Speciell der hier in Rede stehende Vertreter dieser Mcnscheugattung benahmsich so bescheiden und gesittet, daß er gern gesehen war. Er mengte sich nie in dasSpiel, verfolgte aber dessen Verlauf mit gespanntester Aufmerksamkeit. Eines Tageswollte der Säuger ihn für seine bewiesene Discrction auszeichnen und fragte ihn umRath: „Was soll ich jetzt ausspielen?" — „Entschuldigen Sie", antwortete Jener ver-schämt, „ich kaun nicht Piguet spielen." . . .
Vielleicht hat das Wiener Kaffeehaus seine Zaubcrmacht den: Unistande zu ver-danken, daß es au Lesestoff geradezu Unglaubliches bietet. Alan kann Tage lang Zeit-ungen verschlingen, und der Marqueur schleppt noch immer neue herbei. In den kleinstenVorstadt-Kaffeehäusern verlangen Gäste wie etwas Selbstverständliches die „Revue dedeux Mondes " oder das Meycr'schc Eonversationslexicon — es wird noch so weitkommen, daß man bestellen wird: „Einen Thee mit Ruhm und „Schopenhauer's Weltals Wille und Vorstellung." Es ist erstaunlich, wie viel Lcctüre einzelne Menschen ver-tragen. Ich habe schwächliche Leute dreißig Zeitungen nacheinander lesen gesehen. . . .Also die Menge des angehäuften Lesestoffes wäre eine Erklärung. Oder ist diese in denBequemlichkeiten zu suchen, welche das Wiener Kaffeehaus bietet? Man kaun dort Briefeschreiben und sich welche dahin adressiren lassen; man kann dort ungestört sein Nach-mittagschläfchcn machen und sich, im Falle besonderer Protection, zum Abendessen etwaszubereiten lassen. Club und häuslicher Herd, Rendezvousplatz und Kauzlei, das Allesund noch mehr ist im Wiener Kaffeehause zu finden, natürlich nur für den Stammgast,der nebenbei im Zahlmarquenr auch eine immer disponible Quelle für Darlehen findet.Zahlmarqncurs und Schneider borgen immer. . . . Also Erklärungen genug, und dochkeine erschöpfende. Die Wiener Kaffeehäuser sind in Deutschland imitirt worden. Ichhabe diese Imitationen in Berlin, Köln, Frankfurt, Mainz u. s. w. stndirt mit heißemBemühen und bin zur Erkenntniß gelangt, daß das Wiener Kaffeehaus am Wiener Erdboden haftet. Exportirt, gemahnt es an die norddeutschen Komiker, die wienerisch