Ausgabe 
(19.12.1883) 101
 
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zu reden glauben, wenn sie möglichst oftholtcr" sagen. . . . Wir nähern uns demOsten, und vielleicht documentirt unsere Verwandtschaft mit dem Orient sich in der Artunserer Kaffeehäuser. Wir machen es wie die Araber und Türken, die beim schwarzenKaffee, den Tschibnk im Munde, sitzen und träumen oder einem Märchenerzähler lauschen.Der Märchenerzähler ist für uns der Stammgastcollege, der das Neueste berichtet, wassich in der Welt begeben hat. Nirgends lassen die Zeitereignisse sich bequemer erörtern,als im Kaffeehause. Man gcräth in eine interessante Discnssion, in die sich zuweilenein Fremder mengt mit der höfllichcn Bitte, ihn zu entschuldigen ein uns bisherpersönlich Unbekannter, der bis dahin lange Zeit täglich in unserer Nähe saß, ohne denMund zu öffnen. ... Ich will nicht ausführlich werden, sonst müßte ich die Speciesaufzählen: das Militär-Kaffeehaus, in welchem jeder Civillist über die Achsel angesehenwird; das Medicincr-Kaffcehaus, bei dessen Zahlmarquenr Dutzende Hyrtl's verpfändetsind u. s. w. Meine Absicht war, zu ergründen, was den unsagbaren Zauber desWiener Kaffeehauses ausmacht. Vergebliches Vorhaben! Ich fürchte, daß ich in dieGrube fahren werde, ohne eine Antwort zu wissen, auk die Frage, die ich hier auf-geworfen.

M i s c e l l e i«.

(Die Frau Professorin.) Eine junge Engländerin, Miß Alice Gardncr, Ver-fasserin einer Broschüre:Die Ansicht des Kaisers Julian über das Christenthum," istzum Professor der Geschichte am Bedford-Kollcgium in London ernannt worden. ZwanzigProfcssnrs-Kandidatcn die sich um die Stelle beworben, wußten der jungen Dame weichen.

(Wiener Hausherrnlogik.) Miether:Aber einiger Höflichkeit dürften Siesich schon gegen Ihre Parteien befleißigen." Hausherr:Was Höflichkeit ? Dösbrancht's bei mir nöt; dös is überhaupt blos au Artigkeit von mir, wenn i mitJhna höflich bin."

(Für Advokaten.) Einer der farbigen Advokaten, die in Brcnham, Texas,praktizieren, machte die Beobachtung, daß viele seiner weißen Kollegen Glatzen habenund ließ sich, um auch seiner Person ein so würdiges Air zu verleihen den Schädelrasiren.

(Eine verunglückte Mahnung.) Landrath:Ihr seid sonderbare Leute,warum sträubt Ihr Euch noch immer hartnäckig gegen die Anordnungen der Regierung?Ihr könnt fest versichert sein, dieselbe will ja doch stets nur Euer Bestes.' Antwort:Ei, ja, das ist's grad, Herr Landrath, das wolle mer ja grad nit hergebe."

Die Gelehrten und das Wunder.

Wunder geziemt Gott nicht; denn er darf die Natur nicht verändern,

Sonst corrigirt er sich selbst, weil die Natur er gemacht!"

So der Gelehrte; doch schlagt ihm der Blitz in die Bücher und Schriften,

Nnst er:Es ist kein Gott! weil er kein Wunder hier wirkt!"

Zeigst du die Wunder des Herrn, dann bläht er sich auf wie ein Trnthahn;MIeS, was er nicht gesch'n, darf auch geschehen nicht sein.

Laß ihn nur schwätzen! . Der Herr regiert doch Himmel und Erde:

Aber er sieht mit Geduld, wie sich entwickelt die Saat.

Weizen und Distel gedeihen bei Regen und Sonne des Himmels;

Aber wenn reif ist die Saat, wirft er die Distel ins Fcn'r.

Fragt da wohl an demüthig der Herr bei den hohen Gelehrten,

Ob'er bewegen sich darf, ihnen zu sperre» das Maul?!

Niedel.

Auslösung des Räthsels in Nr. 100:Barbier."

Für die Redaktion verantwortlich: Alphons Planer in Augsburg . Druck und Verlag desLiternrischen Instituts von vr. Max Huttler .