Nr. 102.
1883 ,
M
„Äugslmrger Pojheitimg."
Samstag, 22. December
M e L h rr n ch 1 s - I L e d.
WcihnachtskerzenscheinGlänzt in's Herz hinein —Warme WcihnachtslnstPacht an nns're Brust;
Dach wer glücklich istNnr zu leicht vergißt,
Daß nicht alle WeltDieses Licht erhellt.
Und weil's frommer Branch,Daß der Armen anchLiebreich wird gedacht,
Jetzt, wo Alles lacht,
Drmn vergesset nicht,
Daß kein frohes Licht
Hin zu Denen scheint,Deren Auge weint! —Auch zu ihnen geht,
Die Ihr trauern seht —Wißt auch sie sind arm,Lichtlos ist ihr Harm.Spendet KcrzcnscheinIn ihr Herz hinein,
Denkt der Armen All',Ihrer Erdenqual,
Daß durch jede BrustZiehe Weihnachtslust.
Und im ErdenlaufBlickt hinauf, hinauf, —
Daß für Euch und AlleFrieden von dort walle,
Daß sich Aller ArmenWolle Gott erbarmen,
Und des Christkinds SchwingenJedem Freude bringen! —
Klara Reichner.
Der Taimeirbanili.
Ein Weihnachtsmärchen von Klara Reichner.
Der Tannenbanm stand draußen im Walde, im grünen Walde, der dann gelbi.nd endlich weiß wurde. Das heißt, dort wurzelte der Tannenbanm, dort war er zuHause, doch die Heimath ist meist erst eine schöne Sache, wenn man keine mehr besitzt,und so ging es auch dem Tannenbanm.
„Hier geht man zu Grunde!" murrte er. Alles ist so eng, so klein, gar keineAbwechslung!"
„Freue Dich doch Deines Lebens im heimathlichen Boden!" lehrte die goldeneSonne, mahnte der silberne Mond, predigten die schimmernden Sterne, doch der Tannen-baum verstand sie nicht.
„Dtan muß doch seine Freiheit haben!" meinte er. „Und die ist nur in der Weltzu finden. Ich bin so anders wie die Andern! Höher hinauf geht mein Ziel!"
Was und wo aber eigentlich die Welt und diese Freiheit ivar, das wußte er selber